Europa hat in der Flüchtlingskrise bisher schrecklich versagt. Und doch, diese Voraussage sei gewagt, es wird darüber nicht zerbrechen. Zwar fehlt es in der EU – von Angela Merkel abgesehen – an Führungswillen und Führungskraft. Aber es sind auch nicht lauter Narren am Werk, die wider eigenes Interesse den Kontinent in den Abgrund führen.

In schweren Krisen, wenn die Wogen hochgehen und Gefühle den Verstand außer Kraft zu setzen drohen, ist es immer hilfreich, nach diesem Interesse zu fragen, an dem sich letztlich das Verhalten von Regierungen orientiert. So wie es vor zwei Jahren im Konflikt um die Ukraine nicht im Interesse Russlands war, den Bogen zu überspannen und die roten Linien der Nato zu überschreiten, so ist es heute nicht im Interesse Italiens, Frankreichs oder Polens, Angela Merkel politisch zu isolieren und Deutschland mit seinen Flüchtlingen allein zu lassen.

Die Europäische Union bleibt der Garant unseres Lebens in Freiheit und Wohlstand. Das Wissen darum hat in allen bisherigen Krisen – und es gab davon wahrlich viele – zum Kompromiss geführt. Auch in der Griechenlandkrise (schon vergessen?) sahen die Apokalyptiker die Union ihrem Ende entgegen taumeln. Geschehen ist das nicht. Der Grund: Einsicht der Beteiligten und pures Eigeninteresse.

So wie die Österreicher mit der Festlegung einer Obergrenze die anderen EU-Staaten unter Zugzwang setzen, so erhöht auch Angela Merkel ungerührt den Druck. Wenn die EU also nicht die Binnengrenzen dichtmachen will, was verheerende wirtschaftliche und auch politische Folgen hätte, dann wird man gemeinsam die Außengrenzen besser schützen müssen. Das ist die "europäische Lösung", die Merkel will und die sie am Ende wohl auch bekommen wird. Zu dieser Lösung gehören:

Erstens, eine substantiell größere Hilfe für Jordanien, den Libanon und die Türkei, also die Nachbarstaaten Syriens, die Millionen von Kriegsflüchtlingen bei sich aufgenommen haben. Dort erträgliche Lebensumstände zu schaffen, verlangt nur einen Bruchteil der Kosten einer Aufnahme in Europa. Die der Türkei zugesagten drei Milliarden Euro werden gewiss nicht reichen, sie müssen aufgestockt werden.

Zweitens, die Unterstützung Griechenlands und Italiens beim Schutz der Außengrenzen. Die Vereinbarungen von Dublin lassen sich nur dann retten, wenn man die Mittelmeerländer nicht, wie viel zu lange geschehen, die Hauptlast bei der Erstaufnahme und bei der Kontrolle der Seewege tragen lässt.

Drittens, eine mindestens in Ansätzen faire Verteilung der Flüchtlinge in der Europäischen Union. Das wird nicht ohne Kontingente für alle Mitgliedstaaten gehen. Hier eine Einigung zu erzielen, wird äußerst schwierig sein. Aber Ungarn, Polen oder die Slowakei werden ihre bisherige Verweigerung kaum durchhalten. Schließlich wissen auch sie: Wer jetzt keinerlei Solidarität zeigt, kann sie beim nächsten Mal, wenn er sie selbst braucht, nicht erwarten.

Viertens, die Bekämpfung der Fluchtursachen. Von den Genfer Friedensgesprächen zu Syrien, die in diesen Tagen beginnen sollen, über den Kampf gegen den Terror des "Islamischen Staates" bis hin zu einer fairen Handelspolitik gegenüber den armen Staaten Afrikas: Wenn Europa hier nicht gemeinsam handelt, dann verabschiedet es sich als ernstzunehmender Akteur von der Weltbühne. Auch darum geht es bei dieser Flüchtlingskrise.

Der europäischen Lösung, die am Ende gefunden werden dürfte, wird ein unwürdiges  Feilschen vorausgehen. Im Kanzleramt ist man sich dessen bewusst. Es fehlt in der EU, so heißt es im Umfeld der Kanzlerin, nicht nur an Grundsolidarität, sondern auch an Grundsolidität. Und es fehlt am europäischen Führungspersonal. "Wir können derzeit mit Europa keinen Staat machen."

Aber es gibt eben nur dieses Europa. Wer nicht begreift, was auf dem Spiel steht, dem muss man es in Erinnerung rufen. Das ist vielleicht Angela Merkels Hauptaufgabe in diesen Wochen. Die Gabe der mitreißenden Rede ist ihr nicht gegeben. Aber jeder weiß, dass sie sich in ihrem Handeln von strenger Rationalität leiten lässt, dass sie die Dinge vom Ende her denkt.

So auch diesmal. Es ist nicht christliche Nächstenliebe allein, die sie antreibt – wobei die bitte nicht gering geachtet werden sollte. Hilfe bleibt angesichts von Kriegsgewalt und nackter Not oberste Christenpflicht.

Politisch gewendet, bedeutet das: Wer helfen will, muss bereit und fähig sein zum hässlichen Kompromiss. Darum wird es in den kommenden Wochen bis zum nächsten EU-Gipfel gehen. Wie der ausgeht? Der junge österreichische Außenminister Sebastian Kurz hat eine Prognose gewagt, die plausibel klingt: "Am Ende wird es eine europäische Lösung geben. Davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt."