Washington am Dienstag voriger Woche: Mittags hatte der German Marshall Fund zu einer Gedenkstunde für Helmut Schmidt eingeladen. An die 300 Verehrer des Altbundeskanzlers waren gekommen, um eine Podiumsdiskussion mit Henry Kissinger zu verfolgen. Er hatte schon bei der Trauerfeier im Hamburger Michel bewegende Worte für den toten Freund gefunden; nun umriss er noch einmal einfühlsam dessen politisches Wollen und Wirken. Unvermeidlicherweise wurde in der Diskussion Schmidts Leitmotiv erwähnt: "In der Politik hat keine Emotion und keine Leidenschaft Platz außer der Leidenschaft zur Vernunft."

Abends dann an der Hotelbar, wo die politischen Temperamente über den Cocktails ungezügelt aufeinander prallten, die Fernsehübertragung der State of the Union Address Barack Obamas, die achte und letzte des 44. amerikanischen Präsidenten. Über ihn schrieb David Ignatius – ein prominenter Leitartikler der Washington Post, der die Mittagsdiskussion moderiert hatte – am nächsten Tag, er habe sich in unruhigen Zeiten bemüht, mit Vernunft zu regieren, nicht mit Schlagworten, unhaltbaren Versprechungen und beruhigenden, doch absurden Behauptungen. Wie Schmidt, so Obama.

Üblicherweise ist die State of the Union Address eine eher dürftige Aufzählung der Gesetzesvorhaben im bevorstehenden Jahr – oder aber, am Ende der Amtszeit, ein stolzgeblähter Rückblick auf das Erreichte. Auf den Vorausblick verzichtete Obama fast ganz. Den Rückblick hielt er kurz: Rezession überwunden; in sieben Jahren 14 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Arbeitslosenquote halbiert und die Inflationsrate gedrückt; 18 Millionen bis dahin nicht versicherte Bürger in die Krankenversicherung aufgenommen. "Benzin für weniger als zwei Dollar pro Gallone (3,78 Liter) ist auch nicht schlecht." (Unerwähnt ließ er, dass die Staatsschulden von 11 auf 18 Billionen Dollar emporschnellten, die Armutsquote auf 14,8 Prozent anstieg und die Schere zwischen Arm und Reich heute weiter auseinanderklafft als je zuvor.) Alles in allem jedoch: "Das Gerede über Amerikas wirtschaftlichen Niedergang ist bloß politisch heiße Luft."

Heiße Luft auch das Gezeter über Amerikas geschwächte Stellung in der Welt. "Lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Die Vereinigten Staaten sind die mächtigste Nation auf Erden. Punktum... Wir geben mehr für unser Militär aus als die nächsten acht Nationen zusammen." Niemand greife die USA oder seine Verbündeten an ("Sie wissen, dass dies der Weg in den Ruin wäre"). Und bei jedem bedeutsamen Problem blickten die Völker der Welt nicht auf Peking oder Moskau – "sie wenden sich an uns". Von zerfallenden Staaten gehe heutzutage eine größere Bedrohung aus als von evil empires, Reichen des Bösen. Der "Islamische Staat" bedrohe nicht Amerikas nationale Existenz: "Nennen wir sie, was sie sind: Mörder und Fanatiker, die zur Strecke gebracht und vernichtet gehören." Klarer konnte die Ansage nicht sein: "When you come after Americans, we go after you" – siehe Osama bin Laden. Und nicht zu Unrecht rühmte sich der Präsident des Nuklearabkommens mit dem Iran ("Der Welt blieb ein weiterer Krieg erspart."), des Ausgleichs mit Kuba und des Pariser Klimaschutzabkommens.

Vor allem jedoch wollte Barack Obama über die Zukunft sprechen. Aus der State of the Union Address wurde auf diese Weise weit mehr als eine Rede vor dem Kongress – nämlich eine Predigt an die Nation. Eine flammende Anklage gegen Demagogie, Engstirnigkeit, Xenophobie und, jawohl, Plutokratie. Der Name Donald Trump fiel nicht ein einziges Mal, aber er war der eigentliche Adressat von Obamas Mahnrufen. Beispiele:

  • Demagogie: Die Zukunft, die wir wollen, wird nur eintreten, wenn wir zusammenarbeiten, wenn nicht allein die radikalsten Stimmen Aufmerksamkeit finden, sondern wenn wir vernünftig und konstruktiv debattieren. "Die Demokratie verfällt in völligen Stillstand, wenn wir nicht Bereitschaft zum Kompromiss zeigen, wenn selbst grundlegende Fakten umstritten werden und wenn wir nur noch auf die hören, die unserer Ansicht sind." Also: "Wir müssen unser politisches System in Ordnung bringen."
  • Engstirnigkeit: "Bei wachsender Frustration werden uns immer mehr Stimmen einreden, wieder in unsere Stammesbezüge zurückzufallen und jene Mitbürger zu Sündenböcken zu stempeln, die anders aussehen als wir, die nicht beten wie wir, nicht so abstimmen wie wir und nicht denselben Hintergrund haben wie wir. ... Dies widerspricht allem, dessentwegen wir in der ganzen Welt beneidet werden."
  • Xenophobie: "Amerika, das ist jeder Einwanderer und jeder Unternehmer, von Boston bis Austin und hin zum Silicon Valley, alle sind darauf aus, eine bessere Welt zu schaffen ... Immigranten sind nicht der Hauptgrund dafür, dass die Löhne nicht gestiegen sind." Die Bürger dürfen einander nicht in erster Linie als Schwarze oder Weiße sehen, als Asiaten oder Latinos, Schwule oder Heteros, Einwanderer oder Einheimische, auch nicht als Demokraten oder Republikaner, sondern zuvörderst als Amerikaner, die ein gemeinsames Bekenntnis verbindet – das Bekenntnis zur Diversität, zur Offenheit, und zum Respekt vor jeglichem Glauben.
  • Plutokratie: "Wir müssen den Einfluss des Geldes auf unsere Politik zurückstutzen, damit nicht eine Handvoll Familien oder hidden interests unsere Wahlen kaufen können." Die Geld und Macht haben dürften "nicht größeren Einfluss auf Entscheidungen erhalten, die junge Soldaten in den Krieg schicken, die ein weiteres Wirtschaftsdesaster zulassen oder die rechtliche Gleichstellung und die Stimmrechte zur Disposition stellen, für die Generationen von Amerikanern gekämpft haben und sogar gestorben sind."

Der Obama, der da sprach, war zum Teil der alte Obama: der große Redner. Aber da sprach auch, grauhaarig geworden im Amt, ein neuer Obama. Seine Ausführungen zur Innen- und Gesellschaftspolitik wiesen ihn – weit mehr als Roosevelt oder Johnson – als einen lupenreinen Sozialdemokraten im Weißen Haus aus; allein deswegen lohnt sich die Lektüre seines Redetexts. Obendrein gab er sich demütig. Wohl wissend, dass zwei von drei Amerikanern meinen, ihr Land sei nicht auf einem guten Weg, gab er seinem Bedauern darüber Ausdruck, dass während seiner Amtszeit Groll und Verbitterung, ja Hass die Parteien weiter auseinandergetrieben hätten; aber er werde versuchen, das besser zu machen, solange er noch im Amt sei. Zugleich kündigte er an, er werde ein aktiver Expräsident sein: "Ich verspreche, dass ich nach meinem Ausscheiden als Bürger bei Ihnen sein werde, beflügelt von den Stimmen der Fairness, von den Visionen, dem Mumm, der Gutmütigkeit und der Liebenswürdigkeit, die Amerika so weit gebracht haben."

Noch ist Barack Obama 368 Tage im Amt. Es steht dahin, was er bis zum 20. Januar 2017 noch zu erreichen vermag. Doch wie von Helmut Schmidt nach dessen Auszug aus dem Bonner Palais Schaumburg wird die Welt von ihm noch viel hören, wenn er erst einmal das Oval Office geräumt hat.