Vor einigen Jahren, genauer gesagt: 2011, diskutierte der UN-Menschenrechtsrat über die Frage, ob das Recht auf Internetzugang ein Menschenrecht sei, wie etwa das Recht auf Zugang zu Wasser und zu einer ärztlichen Versorgung.

Die Begründung lautete unter anderem: Das Menschenrecht auf Informationsfreiheit setze heutzutage einen Zugang zum Internet voraus. Dieser Zugang sei außerdem wesentlich für die Wahrnehmung anderer Rechte und für die Persönlichkeitsbildung schlechthin. Denn wer sich in den globalen Datenströmen herumtreibe und dort informiere, sei grundsätzlich offener, toleranter und gebildeter. Er wisse eher als andere, denen dieser Weg versperrt sei, wie es in der Welt zugehe und könne darum weit besser am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen.

Daran ist mit Sicherheit viel richtig. Gleichwohl wurden und werden die Erwartungen ans Internet zu hoch gesteckt. Die Weltbank hat soeben einen interessanten Bericht zu der globalen Wirkung des Internets vorgelegt und schlussfolgert, dass die digitale Revolution nicht im gleichen Atemzug eine politisch-gesellschaftliche Revolution ausgelöst habe. Das Internet hebe nicht per se die Ungleichheiten auf, etwa im globalen Wissensstand und in der Ökonomie. Es sei eben kein Gleichmacher und könne auch nicht auf die Schnelle soziale und kulturelle Unterschiede auflösen – und nicht einmal ein größeres Verständnis der Menschen, der Gesellschaften und Kulturen füreinander wecken.


Ein Beispiel dafür scheinen mir die Kölner und Hamburger Silvesternacht zu sein und die massenhaften sexuellen Angriffe von überwiegend nordafrikanischen jungen Männern. Denn man fragt sich schon, wie es passieren kann, dass diese Tatverdächtigen so wenig über Deutschland, über seine Gesetze und Kultur, über das Verhältnis der Geschlechter und das gesellschaftliche Zusammenleben im Gastland wissen.

Gerade viele junge männliche Flüchtlinge aus Nordafrika und dem Mittleren Osten sind absolut internetaffin. Sie gingen mit einem Smartphone auf die Flucht und haben oft schon in ihrer Heimat mithilfe des Internets in Erfahrung gebracht, welche Fluchtrouten am schnellsten und ungefährlichsten sind und welche Auskünfte und Dokumente Polizei und Ausländerbehörden in Europa verlangen. Oft wissen sie bereits bestens Bescheid, wie es um ihre Asylchancen in Deutschland steht und wie dort die Verteilung von Flüchtlingen verläuft.

Fast alles, was auf die Flüchtlinge in Europa zukommt, können sie übers Internet herausfinden – oft auch in ihren jeweiligen Sprachen. Inzwischen gibt es sogar eine App mit dem Namen Angekommen, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das Goethe-Institut, die Bundesagentur für Arbeit und der Bayerische Rundfunk gemeinsam entwickelt haben. Sie soll Flüchtlingen die Orientierung in Deutschland erleichtern.

Grund für das fehlende Wissen über Deutschland kann also nicht der fehlende Zugang zum Internet sein. Es muss weitere und andere Ursachen geben, denn das Internet ist nur ein Mittel zum Zweck. Darauf weist auch die Weltbank in ihrer Studie hin.

Um Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unwissen auszuräumen muss man früher ansetzen, bei der Erziehung, der Schulbildung, bei der rechtzeitigen Vermittlung von kognitiven, sozialen, kulturellen und emotionalen Fähigkeiten. Das gilt hierzulande wie überall auf der Welt, für Deutsche ebenso wie für Einwanderer. Versäumnisse hier kann auch das Internet nicht wettmachen – und auch nicht ein etwaiges Menschenrecht darauf.