Saudi-Arabien hat alle diplomatischen Beziehungen mit dem Erzrivalen Iran abgebrochen und der Regierung in Teheran ein Ultimatum gestellt. Das Königreich habe bereits sein Botschaftspersonal aus Teheran abgezogen, teilte Außenminister Adel al-Dschubeir am Sonntagabend mit. Irans Diplomaten hätten nun ihrerseits 48 Stunden Zeit, das Königreich zu verlassen. Anlass ist der Sturm auf die saudi-arabische Botschaft in Teheran am Samstag.

Der Iran bezeichnete die Entscheidung Saudi-Arabiens als voreilig. Vizeaußenminister Hussein Amirabdullahian sagte der Nachrichtenagentur Tasnim: "Die Saudis haben schon in der Vergangenheit mit solchen voreiligen und irrationalen Entscheidungen Instabilität in der Region verursacht." Die Regierung in Riad könne mit dieser Initiative nicht von der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr ablenken.

Saudi-Arabien hatte am Samstag 47 Menschen wegen Terrorismusvorwürfen hingerichtet – nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die größte Hinrichtung im Königreich seit 1980. Unter den Exekutierten war auch der schiitische Kleriker Al-Nimr. Der 56-Jährige war ein entschiedener Gegner des erzkonservativen sunnitischen Königshauses in Riad.

Im schiitischen Iran führte die Hinrichtung zu scharfen Protesten. In der Nacht zum Sonntag stürmten iranische Demonstranten die saudi-arabische Botschaft in Teheran, setzten Teile des Gebäudes in Brand und verwüsteten Büros. Der oberste geistliche und politische Führer, Ajatollah Ali Chamenei, drohte den Politikern des sunnitischen Saudi-Arabiens mit der "Rache Gottes". Die einflussreichen iranischen Revolutionsgarden kündigten dem Königshaus eine "scharfe Vergeltung" an.

Auch in der saudi-arabischen Geburtsstadt Al-Nimrs kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen: Wie die amtliche Nachrichtenagentur SPA unter Berufung auf die örtliche Polizei berichtete, wurden am Sonntagabend Polizisten beschossen. Man fahnde nach den Verantwortlichen der "terroristischen" Aktionen, zitierte SPA einen Polizeisprecher.

Die jüngste Eskalation zwischen Saudi-Arabien und dem Iran markiert einen lange nicht mehr erreichten Tiefpunkt zwischen beiden Ländern. Vor fast 28 Jahren, 1988, hatte Saudi-Arabien das letzte Mal die Beziehungen zum Iran abgebrochen. Der Schritt bekräftigt auch die gestiegene Aggressivität des ultrakonservativen Königreichs unter König Salman, der seit knapp einem Jahr an der Macht ist.

Ajatollah Chamenei verglich das Königreich Saudi-Arabien mit der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Auf der Website Chameneis war ein Bild eines saudi-arabischen Henkers neben dem als Dschihadi John bekannt gewordenen IS-Extremisten zu sehen. Das Foto trug die Unterzeile: "Irgendwelche Unterschiede?" Dem inzwischen vermutlich getöteten Dschihadi John wird die Enthauptung mehrerer westlicher Geiseln zur Last gelegt.

SPD fordert Überprüfung der diplomatischen Beziehungen

Die US-Regierung äußerte sich bislang zurückhaltend zu der jüngsten Eskalation in der Region: Die USA glaubten, dass "diplomatisches Engagement von grundlegender Bedeutung" sei, zitierte der Sender CNN den Sprecher des Washingtoner Außenministeriums, John Kirby. Die USA würden weiterhin die Führungsparteien in der Region dazu aufrufen, "positive Schritte" zur Entspannung der Lage zu unternehmen. Einen ähnlichen Appell hatten die USA bereits am Samstag veröffentlicht.

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die rivalisierenden Religionsgruppen zur Zurückhaltung auf. In Deutschland forderte die SPD, die Beziehungen zu Saudi-Arabien zu überprüfen. "Zurzeit müssen politische Interessen im Vordergrund stehen, wirtschaftliche Fragen haben dahinter zurückzustehen", sagte SPD-Fraktionsvize Rolf Mützenich den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Ich plädiere dafür, bei den Waffenlieferungen sehr zurückhaltend und auch ablehnend zu sein." Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) verfolge aber bereits eine restriktive Linie, fügte Mützenich hinzu. Der SPD-Außenexperte sagte weiter, die Exekutionen in Saudi-Arabien seien nicht nur brutal und schrecklich. Sie verschärften auch die Spannungen in der Region und seien damit politisch unverantwortlich. Dies dürfe die deutsche Politik nicht unkommentiert lassen.

Die Bundesregierung hatte im ersten Halbjahr 2015 Rüstungsausfuhren im Wert von 3,5 Milliarden Euro genehmigt, darunter waren Exporte nach Saudi-Arabien im Wert von 178,7 Millionen Euro. Die Opposition hatte bereits einen Stopp der Waffenlieferungen verlangt.