Frauen auf der Flucht werden oft Opfer sexueller Gewalt, berichtet Amnesty International. © Robert Atanasovski/AFP/Getty Images

Mädchen und Frauen, die aus Syrien oder dem Irak nach Europa reisen, sind oft sexueller Gewalt ausgeliefert, berichtet Amnesty International. Die Menschenrechtsorganisation hat insgesamt 40 Frauen befragt, welche Erfahrungen sie auf ihrer Flucht nach Europa gemacht haben. Das Ergebnis: Keine der befragten Frauen fühlte sich während der Reise sicher, viele berichteten von körperlicher Gewalt, Erpressung oder sexueller Belästigung. Die Täter: Schleuser, Sicherheitspersonal oder andere Flüchtlinge. "Diese Frauen haben alles riskiert um sich und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen", sagte Tirana Hassan von Amnesty International, "es ist eine Schande, dass sie in Europa immer noch in Gefahr sind".

Frauen und Mädchen, die alleine reisen oder nur von Kindern begleitet werden, fühlen sich dem Bericht zufolge besonders in Ungarn, Kroatien und Griechenland bedroht. Ein Hauptproblem sei die mangelnde Geschlechtertrennung, in den Camps seien Frauen beispielsweise oft gezwungen neben fremden Männern zu schlafen. Einige erzählten, dass sie deshalb sogar lieber draußen schliefen. Ein weiteres Problem: Männer und Frauen müssten sich oft Toiletten und Duschen teilen.

Sexuelle Belästigung auch in deutschen Camps

Auch Deutschland ist von den Vorwürfen betroffen: Eine der Befragten berichtete, dass in einer Unterkunft Männer die Frauen auf der Toilette beobachteten – offenbar ohne Konsequenz. Einige der Frauen sollen daraufhin drastische Maßnahmen ergriffen und fast nichts mehr gegessen und getrunken haben, damit sie nicht mehr so oft auf die Toilette gehen müssen. Eine 22-Jährige irakische Frau berichtete, dass ihr in einem deutsche Flüchtlingscamp ein uniformierter Wachmann ein paar Kleider angeboten habe, dafür sollte sie eine Gegenleistung erbringen: "Zeit alleine mit ihm."

Um gegen diese Missstände anzugehen, fordert Amnesty konkrete Schutzmaßnahmen für allein reisende Frauen und Mütter mit Kindern: Nach Geschlechtern getrennte, gut beleuchtete Toilettenanlagen und separate Schlafbereiche seien das Mindeste.

Doch getrennte Toiletten und Schlafräume sind nicht das einzige Problem, einige Schwangere berichteten von schlechter medizinischer Versorgung und auch körperliche Gewalt gegen Frauen und Kinder ist ein Thema unter den Befragten. So berichtet die 16-jährige Syrerin Maryam von einer Situation in Griechenland: "Die Menschen begannen zu schreien und zu rufen, also begann die Polizei uns mit Stöcken schlagen. Sie schlugen mir auf meinen Arm. Sie schlugen sogar jüngere Kinder. Sie schlugen jeden, auch auf den Kopf. Mir wurde schwindelig und ich fiel, andere Menschen traten auf mich. Ich weinte und wurde von meiner Mutter getrennt. Sie riefen meinen Namen, dann fand ich meine Mutter wieder. Ich zeigte ihnen meinen Arm, ein Polizist sah ihn an und lachte, ich fragte nach einem Arzt, da baten sie mich und meine Mutter zu gehen."

Schleuser nutzen Situation der Frauen aus

Und auch bevor die Frauen nach Europa kommen ist die Gefahr sexueller Übergriffe groß, denn insbesondere Schleuser würden die Situation der weiblichen Flüchtlinge ausnutzen, schreibt Amnesty. Oft böten sie den Frauen kürzere Wartezeiten oder einen ermäßigten Preis auf einem Schleuserboot im Austausch gegen Sex an. Hala, eine 23-jährige Frau aus Aleppo berichtet: "Im Hotel in der Türkei sagte einer der Männer, der für die Schleuser arbeitete, wenn ich mit ihm schliefe, müsse ich nicht zahlen. Natürlich sagte ich nein, es war ekelhaft. Das gleiche passierte vielen von uns in Jordanien."

Um diese Art von Missbrauch und Ausbeutung durch Schleuser zu bekämpfen, sieht Amnesty vor allem eine Lösung: "Das Beste wäre, wenn die europäischen Regierungen sichere und legale Einreisewege schaffen würden", so Tirana Hassan.

Köln - Gedrückte Stimmung nach den sexuellen Übergriffen