Eine ägyptische Aktivistin malt ein Graffito an eine Hauswand in Kairo. Auf Arabisch steht dort: "Nein zu sexueller Gewalt". © PATRICK BAZ/AFP/Getty Images

Der Präsident hatte Blumen mitgebracht. Mit ernster Mine blickte Abdel Fattah al-Sissi in die Fernsehkameras, die neben dem Bett der jungen Frau aufgestellt waren. "Ich bin gekommen, um Ihnen und jeder ägyptischen Frau zu sagen, dass es mir leidtut", raunte er ins Mikrofon. Am Tag zuvor war die Frau von einer Männerhorde auf dem Kairoer Tahrir-Platz missbraucht und schwer verletzt worden. Mit seinem Besuch im Krankenhaus wollte al-Sissi ein medienwirksames Zeichen setzen. Sexuelle Gewalt habe in seinem Land keinen Platz, sollte sein Auftritt im Sommer 2014 bedeuten. Es war ein Versuch, Ägyptens Image zu retten. Denn das konnte schlechter nicht sein.

Der Tahrir-Platz, einst Synonym für Freiheit und Frieden, gilt heute als Ort des Grauens. Er wird in diesen Tagen immer wieder genannt, um den Vorfällen in Köln einen vermeintlich kulturellen Bezugsrahmen zu geben und steht sinnbildlich für die organisierte Gewalt gegen Frauen, Ägypterinnen wie Ausländerinnern, die es seit einigen Jahren in Ägypten gibt.

In den internationalen Fokus geriet diese Gewalt gegen Frauen bei den Aufständen gegen den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak. Am 11. Februar 2011, als die Ägypter Mubaraks Rücktritt feierten, stürzten sich rund 200 Männer auf die südafrikanische Reporterin Lara Logan und vergewaltigten sie "mit ihren Händen", wie es Logan später beschrieb. Kurz darauf wurde die Journalistin Mona Eltahawy von Polizisten sexuell missbraucht und die französische Reporterin Caroline Sinz von einer Gruppe Männer belästigt. Danach breitete sich die brutale Methode aus. Bei Protesten wurden Dutzende Frauen von Männern gejagt, umzingelt, ausgezogen und vergewaltigt.

Viele sehen in den Übergriffen in Köln eine direkte Parallele dazu. Der Schritt zu Ressentiments ist dann nicht weit. Auch wenn nicht klar ist, was in der Silvesternacht genau vorgefallen ist, wer die Frauen angegriffen hat und warum, sind viele Kommentatoren sicher: Es muss jener Typus des "arabischen Mannes" gewesen sein, der auch in Kairo Frauen anpöbelt, begrapscht und vergewaltigt, weil dort, in der "muslimischen Welt", Männer so etwas eben tun. Da ist von Machos die Rede, die nicht anders könnten, als Frauen zu erniedrigen – und zwar verhüllte, verhuschte Frauen, die am liebsten unsichtbar bleiben wollten. Aber so einfach ist das nicht. Weder in Köln noch in Kairo.

Die Antwort auf die Frage, warum es Angriffe auf Frauen in Ägypten und anderswo gibt, hat viele Dimensionen.

Mehr zur Debatte nach den Angriffen in Köln finden Sie in der ZEIT Nr. 3 vom 14.01.2016 mit dem Titel „Wer ist der arabische Mann?“

In Studien geben fast alle befragten Ägypterinnen an, schon einmal belästigt worden zu sein, egal ob sie verschleiert waren oder nicht. Die Entwicklungen nach 2011 hätten den Kampf um Emanzipation um Jahrzehnte zurückgeworfen, schreibt die Vorsitzende des Zentrums für die Rechte der Frauen, Nehad Abul-Komsan in ihren Berichten. Die Unterdrückung werde von allen politischen Lagern betrieben. Sie umschreibt damit, was westliche Berichterstatter gern übersehen: Die organisierten Übergriffe haben im gespaltenen Ägypten oft auch eine politische Dimension. Viele Aktivisten sind überzeugt, dass der Staat die Attacken als Abschreckungsmaßnahme organisiert.

Die politischen Gegner instrumentalisieren die Berichte über die Gewalttaten wiederum, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren: Die Übergriffe spiegelten die moralische Entartung der Armeeanhänger, tönen die Muslimbrüder. Die Islamisten wollten sich so an unsittlichen Frauen rächen, behaupten al-Sissis Unterstützer. Es war übrigens Ex-General al-Sissi, der nach Mubaraks Sturz die von den Streitkräften durchgeführten und von Menschenrechtlern als Folter angeprangerten "Jungfräulichkeitstests" an Demonstrantinnen veranlasste. Die Warnung an die Frauen war klar: Ihr zahlt einen Preis, wenn ihr demonstrieren wollt, bleibt der öffentlichen Sphäre also lieber fern.

Die staatlich verordneten Angriffe sind der drastischste Ausdruck einer allgegenwärtigen Herabsetzung der Frau. Das Schnalzen beim Vorübergehen, die Hand am Po in der U-Bahn: Das hat weniger mit Sex zu tun als mit dem Gefühl, zumindest in einem Bereich die Kontrolle zu haben. Das ist eine andere übersehene Dimension. Die Jungen sind durch die Umbrüche verunsichert und wegen der wachsenden Armut und Arbeitslosigkeit frustriert. Die sozialen Spannungen kollidieren mit dem mentalen Zuschnitt einer ungleichen Gesellschaft: Die Vorstellung, dass die Frau dem Mann nachgeordnet ist, ist in Ägypten weit verbreitet. Und nicht nur in Ägypten.

Wenn das Opfer selbst schuld sein soll

In Marokko werden Millionen Frauen regelmäßig Opfer von Gewalt – auch von öffentlichen Vergewaltigungen. Weil das Gesetz außerehelichen Sex unter Strafe stellt, werden Vergewaltigungsopfer oft selbst strafrechtlich verfolgt. Auch in Saudi-Arabien kommt es vor, dass Frauen nach einer Gruppenvergewaltigung etwa durch Peitschenhiebe bestraft werden, weil sie ein außereheliches Verhältnis gehabt haben sollen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten werden immer wieder Vergewaltigungsopfer erst verurteilt und dann – auch wegen des internationalen Drucks – amnestiert. Frauenrechtsorganisationen prangern seit Jahren an, dass in patriarchalischen Gesellschaften nicht die Täter, sondern die Opfer bestraft werden.