Aufgebracht zückt Omar Mohamad sein Mobiltelefon, als das Gespräch auf die gescheiterten Genfer Friedensgespräche kommt. "Welcher Frieden?", fragt der 18-jährige Syrer genervt und wischt mit dem Zeigefinger über Fotos aus seiner Heimatstadt Aleppo: Ein Kinderschuh in einer Blutlache, ein von Bomben zertrümmertes Wohnhaus und eine Rauchsäule über einem Dorf in der Ferne erscheinen nacheinander auf dem Display. "Niemand in Genf will Frieden für Syrien", sagt Mohamad in einfachem Deutsch. "Nicht die Vertreter von Baschar al-Assad und auch nicht die Opposition."  

Der junge Mann sitzt in der Computerecke der Kronberger Villa Winter, einem ehemaligen Jugendtreff im Zentrum der wohlhabenden Gemeinde im Taunus, die etlichen Frankfurter Bankvorständen als Wohnsitz dient. Vor knapp einem Jahr floh er mit seinen Eltern und der Schwester vor Assads Fassbomben aus Aleppo; über die Türkei und den Balkan gelangte die Familie nach Deutschland.

Nach mehreren Monaten in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) in Gießen wurden die vier Syrer nach Kronberg weitergeschickt. Die Aufnahme von knapp 400 Personen sieht der von der schwarzroten Landesregierung in Wiesbaden ausgetüftelte Verteilungsschlüssel für die 18.000-Einwohner-Gemeinde vor.

Einen idealeren Ort als das luxuriöse Taunus-Domizil mit Stadtpark, Schlosshotel, Golfclub, Burg und Blick auf die Skyline der Bankenmetropole Frankfurt könnte man sich für den Start ins neue Leben in der Fremde kaum vorstellen . Täglich finden Deutschkurse in der Villa Winter statt, Sozial- sowie Rechtsberatung, und im Keller gibt es eine Kleiderkammer. An der langen Theke schenken Freiwillige Kaffee und Saft aus, während auf den gemütlichen Sofas vor dem Balkon eine Gruppe afghanischer und eritreischer Männer an ihren Handys herumspielt, angelockt vom kostenlosen WLAN-Empfang.

Welch ein Kontrast zu den langen Warteschlangen vor dem Berliner Lageso etwa. Warm scheint die Sonne durch die hohen Fenster des schmucken Altbaus, am schwarzen Brett werben die Hochtaunuskliniken um Arbeitskräfte im Pflegedienst. Als die SPD am Abend zu einer Diskussion über Kronberg als soziale Stadt lädt, spricht der Erste Stadtrat Jürgen Odszuck mit einem Augenzwinkern davon, dass die Gemeinde das Label als "Reichenghetto" längst nicht mehr verdient habe: Königstein und Starnberg hätten Kronberg von der Spitze der reichsten Städte Deutschlands verdrängt, eine "bedenkliche Entwicklung".

Solche Probleme müsste man haben, werden sich Politiker in Orten denken, wo die Alternative für Deutschland (AfD) längst aus der Überforderung der Kommunen mit der Flüchtlingskrise Profit schlägt. Nicht so in der ruhigen Burgstadt, wo die Grünen mit dem Slogan "Integration braucht Ideen" für Stimmen bei der Kommunalwahl Ende März werben – und wo die bereits 2014 gegründete Flüchtlingshilfe Kronberg gerade den Bürgerpreis der Stadt für ihr soziales Engagement erhielt. Mehr als 100 Freiwillige sorgen in vier Arbeitskreisen für Integration, Sprache, Bildung und Wohnen für eine Willkommenskultur wie aus dem Lehrbuch Angela Merkels. 

Doch dass der Honeymoon mit den Heimatlosen selbst an den Hängen der Bestverdienenden im Vordertaunus bald vorbei sein könnte, beginnen die meist älteren Flüchtlingsaktivisten zu ahnen. "Unser Willkommen ist das Grundgesetz", stellt der Koordinator der Initiative, Hans-Willi Schmitt, klar – und dass man den Geflüchteten allenfalls "Hilfe zur Selbsthilfe" bieten könne. Integration sei kein Selbstläufer, sagt Schmitt, sondern verlange auf beiden Seiten über viele Jahre einen langen Atem. "Wir brauchen keine Sprinter, sondern Marathonläufer." Und: "Wer bis nachmittags um drei schläft", der müsse mit der Kürzung der Bezüge rechnen.

Auch Kronbergs Integrationsdezernent Hans Robert Philippi hält eine gelungene Eingliederung der derzeit rund 400 Flüchtlinge, von denen die meisten aus Afghanistan, Albanien, Eritrea, Pakistan und Syrien stammen, nicht für hausgemacht.

Über Jahrzehnte war der SPD-Mann als Polizeidirektor mit den Problemvierteln Offenbachs und Frankfurts bestens vertraut. Was er an Konflikten in den beiden Großstädten erlebt habe, gelte in abgeschwächter Form auch für den Speckgürtel rund um Mainhattan: Die Entstehung eines "bad third" am unteren Ende der sozialen Leiter lasse sich kaum verhindern. Vor allem, wenn die Geflüchteten über Jahre in provisorischen Unterkünften bleiben müssten.