Das Plastik raschelt in den Händen der jungen Syrerin. Kawther, graues Kopftuch, graue Bluse, steht auf dem Gelände des griechischen Hafens von Piräus. Helfer haben ihr ein eingepacktes Brötchen gegeben, aber keinen Ratschlag, wohin sie jetzt gehen könnte. Neben ihr hockt ihr Mann Ibrahim. Beide sind sie aus der syrischen Stadt Deir al-Sur geflohen, die im Osten des Landes liegt und teilweise von den Kämpfern des "Islamischen Staates" (IS) kontrolliert wird. Jetzt sitzen sie in Griechenland fest. Wie mehr als 40.000 weitere Flüchtlinge im ganzen Land.

Kawthers Augen wirken müde. Sie blickt auf einen Backsteinbau des Hafengeländes, dessen Scheiben eingeschmissen sind. Sie sieht die Frauen und Kinder, die davor sitzen. Neben ihnen liegen kleine Rucksäcke und zusammengerollte Wolldecken. Etwas weiter stehen grüne Campingzelte auf dem Asphalt. Kawther wendet ihren Blick ab. "Wie kommen wir zur mazedonischen Grenze?", fragt sie.

Tag für Tag bringen die Fähren Hunderte Flüchtlinge von den griechischen Inseln auf das Festland nach Athen. In der ersten Märzwoche waren es mehr als 9.000 Menschen. Von Piräus aber kommen die Flüchtlinge nicht weiter. Die Busse nach Norden fahren nicht mehr, seit Mazedonien seine Grenze zu Griechenland geschlossen hat. Im Hafen schlafen derzeit mehr als 3.000 Flüchtlinge in den Wartehäusern und Lagerhallen oder in Zelten neben den Gebäuden. Einige Freiwillige verteilen Essen, der griechische Staat jedoch ist hier weitgehend abwesend. Aus einem Ort der Durchreise ist ein Ort des Stillstands geworden.

Einige Kilometer landeinwärts, in einem Industriegebiet mitten in Athen, stehen Dutzende Wohncontainer dicht an dicht. Im vergangenen August hatte die griechische Regierung das Camp Eleonas errichten lassen. 700 Menschen kommen hier unter, momentan ist jedes Bett belegt. "Ich habe gejubelte, als ich Lesbos erreichte", sagt Mohammed, der zusammen mit acht Palästinensern in einem der Container wohnt. "Ich habe von einem neuen Leben geträumt und jetzt stecke ich hier fest." Vier Mal hat Mohammed versucht, die Grenze nach Mazedonien zu überqueren. Jedes Mal nahm ihn die mazedonische Polizei fest und wies ihn wieder aus. Dann entschied er, zurück nach Athen zu gehen.

Die Sonne spiegelt sich in den Pfützen vor dem Container. An gespannten Leinen trocknet seine Kleidung. "Epharisto, Parakalo, Kalimera", sagt der 25-Jährige und lacht – "Danke, bitte, guten Tag", so viel kann er schon auf Griechisch. Mohammed greift in seine Hosentasche, zeigt sein Smartphone, mit dem er die Sprache lernt. "Ich habe jede App heruntergeladen, die es gibt." Er will einen Asylantrag stellen.

Hohe Hilfsbereitschaft

Mehr und mehr Flüchtlinge bleiben in Griechenland – ob sie wollen oder nicht. In der ersten Januarwoche stellten 176 Flüchtlinge einen Asylantrag, in der ersten Märzwoche waren es bereits 543 Anträge. Dabei ist die wirtschaftliche Lage im Land weiterhin prekär. Die Arbeitslosenquote liegt bei 24 Prozent, die Regierung verhandelt gerade mit den internationalen Geldgebern über neue Sparmaßnahmen. "Viele Flüchtlinge wissen nicht, was sie hier erwartet", sagt Sandy Protogerou. Sie ist Direktorin der Flüchtlingsorganisation Greece Council for Refugees. Protogerou sitzt in einem Konferenzraum in der dritten Etage eines dieser typischen Athener Bürogebäudes, schmucklos, trist, zweckmäßig. "Es wird schwer für die Menschen, hier einen Arbeitsplatz zu finden, mit dem sie sich und ihre Familie ernähren können."

Trotz der anhaltenden Wirtschaftskrise sei die Hilfsbereitschaft der griechischen Bevölkerung noch hoch, sagt Protogerou. Täglich würden in ihrem Büro Menschen anrufen und fragen, wie sie helfen könnten. "Viele denken, dass die Flüchtlinge kommen und weiterreisen. Sie haben noch nicht verstanden, dass sie länger bleiben." Sie sei beunruhigt, was geschehen werde, wenn die Griechen die neue Situation verstehen. Fremdenfeindliche Angriffe bleiben bislang Einzelfälle: Ende Februar war es im Norden des Landes, in der Kleinstadt Giannitsa, erstmals zu Brandanschlägen auf Gebäude gekommen, in denen Flüchtlinge untergebracht werden sollten – geplant war ein Auffanglager für 4.000 Menschen.

Von Protogerous Büro sind es fünf Minuten bis zum Viktoriaplatz im Stadtzentrum. Bis vor wenigen Tagen noch campierten hier Hunderte unter freiem Himmel, weil sie keine Hoffnung hatten, an der mazedonischen Grenze durchgelassen zu werden. Am vergangenen Wochenende aber wurde der Platz geräumt. Nun schlafen noch einige Menschen in den Seitenstraßen oder sie sind in einem der Lager untergebracht, die das griechische Militär um die Hauptstadt herum errichtet hat. Wie jenes in den Bergen über Piräus.

Hoffnungslos überfüllt

Thanos Vasilios ist Major der griechischen Armee. Der Offizier führt durch die Zeltstadt von Schisto, eines der Aufnahmelager, das die Regierung in nur wenigen Wochen errichten ließ. "Das Camp ist komplett ausgelastet", sagt Vasilios. 1.800 Menschen lebten hier, sie alle kämen aus Afghanistan. Vasilios steht vor einem der großen Zelte, die das UN-Flüchtlingshilfswerk geliefert hat. Eigentlich sollten darin Kinder spielen. Jetzt stehen Stockbetten für 120 Flüchtlinge hier. Als das Lager Mitte Februar eröffnete, seien die Menschen häufig nach einem Tag weitergereist. In der vergangenen Woche aber hätte kaum noch jemand das Camp verlassen.

Vor dem Tor des Lagers in Schisto hält ein schwarzer Kleinwagen. Eine Frau steigt aus, öffnet die Hintertür des Autos und holt zwei große Plastiktüten heraus, die gefüllt sind mit Schokolade, Croissants und Chips. "Ich komme zum ersten Mal hierher", sagt sie und reicht die Tüten einem Polizisten, der vor dem Tor steht. Sie wolle helfen. Ihre Familie habe selbst erlebt, wie es sei, flüchten zu müssen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts seien ihre Eltern wie Millionen andere Griechen aus der Türkei vertrieben worden. "Wir wissen, was es heißt, sein Land verlassen zu müssen", sagt sie und verschwindet bald wieder.

Hilfsorganisationen befürchten, dass die Solidarität in der Bevölkerung nicht lange erhalten bleibt. Allein in Athen befinden sich nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks derzeit 10.000 Menschen, doch die Unterkünfte haben bisher nur Platz für 9.500 Menschen. Die Situation sei sehr besorgniserregend. Damit eine humanitäre Katastrophe ausbleibt, will die griechische Regierung 14 neue Lager bauen, vier in Athen und zehn an anderen Orten. Doch das sind nur Notmaßnahmen. Über einen dauerhaften Aufenthalt Zehntausender Flüchtlinge in Griechenland wagt bisher kaum jemand nachzudenken.