Von ihren Fehlern redet Julia Klöckner eher selten. Als die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende am Mittwochabend mit der Bundeskanzlerin auf der Bühne im goldverzierten Kursaal von Bad Kreuznach steht, tut sie es dann doch: "Ich hab's in all den Jahren nicht geschafft, Angela Merkel vom deutschen Rotwein zu überzeugen", sagt sie. Lacher im Publikum, schließlich ist man hier in einer Weinanbaugegend.

Klöckner sieht zwar immer so aus, als sei sie blendend gelaunt, an diesem Abend dürfte die gute Stimmung jedoch echt sein. Der Wahlkampfauftritt mit der Kanzlerin ist für sie ein Heimspiel. Ganz in der Nähe, im 2.500-Einwohner-Dorf Guldental, ist die Winzertochter aufgewachsen. Im Saal, in dem sie die mächtigste Frau der Welt begrüßt, hat Klöckner einst ihren Abiball gefeiert. Im Publikum sitzt nicht nur ihre Familie, sondern auch viele, die sie lange, manche von klein auf, kennen und die jetzt sehen können, wie weit sie es gebracht hat und was noch aus ihr werden könnte.

Schafft Klöckner es bei der Landtagswahl am 13. März, die 25-jährige SPD-Herrschaft in Rheinland-Pfalz zu beenden und Ministerpräsidentin zu werden, hätte sie für ihre weitere Karriere dieselbe Ausgangsposition wie einst Helmut Kohl.

Viel mehr als eine Provinzpolitikerin

Bereits heute ist Klöckner jedoch viel mehr als nur eine Oppositionspolitikerin aus der Provinz. Schließlich ist sie Vizevorsitzende der Bundes-CDU und zählt damit als Merkel-Stellvertreterin auch bundesweit zu den bekanntesten Gesichtern der Partei.

Einen Schub hat ihre Popularität bekommen, seit Klöckner sich in der Flüchtlingspolitik sehr geschickt als "Ergänzung" von Merkel inszeniert. Als im Sommer vergangenen Jahres die Flüchtlingszahlen nach oben schossen, war Klöckner alarmiert. Dieses Thema, das wusste sie, war geeignet, ihr wieder den schon sicher geglaubten Sieg bei der Landtagswahl zu vermasseln, ähnlich wie 2011 die Atomkatastrophe von Fukushima. Also musste sie handeln.

Wichtig, wichtiger, Landtagswahlen

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Anders als die CSU versteifte sich Klöckner aber nicht auf eine Forderung, die Merkel zur Kapitulation gezwungen hätte. Statt eine Obergrenze zu verlangen, machte sie sich zunächst für ein Integrationspflichtgesetz stark – ein innenpolitisches Thema und keines mit europäischen Auswirkungen. Als aber im Januar die Aversionen gegen Flüchtlinge wegen der Ereignisse in der Silvesternacht in Köln dramatisch zunahmen, legte Klöckner nach.

"Wir fahren zweigleisig"

Doch statt eines Plans B, wie ihn viele Merkel-Kritiker forderten, präsentierte sie ihren Plan A2. Von einer Obergrenze war darin keine Rede, wohl aber von "flexiblen Tageskontingenten", das klang zumindest irgendwie so ähnlich. "Wir fahren zweigleisig", nannte Klöckner diese Strategie.

Mit Merkels schärfstem Kritiker, CSU-Chef Horst Seehofer, machte sie eine gemeinsame Wahlkampfveranstaltung. Verfassungsrichter Udo Di Fabio, der für die CSU ein Gutachten für eine Verfassungsklage gegen Merkels Flüchtlingspolitik erstellt hatte, und den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz, einen bekennenden Obergrenzen-Verfechter, lud sie zum "Mainzer Sicherheitsgespräch". Nach dem Panik-Papier das Panik-Podium, spotteten die Grünen.

Am Mittwochabend in Landau fährt Klöckner dagegen eher eingleisig. Ihren Plan A2 erwähnt sie gar nicht. Auch als sie am nächsten Tag vor 200 Menschen im Pfarrzentrum von Schifferstadt spricht, oder auf dem verregneten Marktplatz von Neustadt, kommt A2 nicht vor. Beim Weißwurstfrühstück mit 120 Rentnern im Siebziger-Jahre-Ambiente der Festhalle Wörth verwendet sie gerade mal zwei Sätze auf ihr Konzept, irgendwo unter dem Punkt "Zusammenhalt der Generationen".

Problembär Seehofer

Das liegt wohl auch daran, dass die Leute das Thema Flüchtlinge irgendwie ein bisschen über zu haben scheinen. "Ach, davon hat man so viel in der Zeitung und im Fernsehen", sagt ein Rentner in Schifferstadt. Von den Zuhörern spricht nur ein Einziger das Thema an. Er sei seit vielen Jahren ein Traditionswähler der CDU, beginnt er, aber nun sei er ernsthaft ins Zweifeln geraten. Klöckner nickt routiniert, das kennt sie schon, doch dann fährt der Mann fort: "Dass Sie diesen Problembär, den Seehofer, eingeladen haben, das nehme ich Ihnen übel." Beifälliges Gelächter im Saal.

Vor allem in Wörth am Rhein interessiert die meisten ohnehin viel mehr, wann denn jetzt die zweite Rheinbrücke gebaut wird. Und da kann Klöckner endlich mal gute Nachrichten von der Kanzlerin überbringen. Als sie Merkel gestern erzählt habe, dass sie nach Wörth fahre, habe die prompt gesagt: "Ach, ist das nicht da, wo die Brücke fehlt?" Klöckner strahlt: "Das hat sich doch wunderbar eingeprägt." Kanzlerinnen-Nähe kann eine feine Sache sein, selbst in diesem Wahlkampf.