Schon früher, in den wilden Neunzigern, als ich jung und schön war, flog ich mindestens einmal pro Jahr hierher. Ich checkte in einem dieser Londoner Hotels ein, deren winzige Zimmerchen man mit großen lupenreinen Diamanten bezahlen durfte. Ich vertrieb mir die Zeit mit Theaterhopping. Im West End, im East End und in allem, was dazwischen liegt. Das britische Theater, falls Sie es nicht wussten, war das beste Theater des ganzen Planeten. Niemand konnte so Theater spielen wie die Briten. Bis zum heutigen Tage erinnere ich mich lebhaft an die Figuren aus Willy Russells Blood Brothers. Schon habe ich sie wieder vor Augen, sehe sie tanzen und höre sie wieder ihre schönen Melodien singen.

Blood Brothers habe ich danach noch mehrfach gesehen. In New York, am Broadway, mochte ich es überhaupt nicht. Aus irgendeinem Grund können Amerikaner nicht so spielen wie die Briten. Jahre später habe ich das Stück dann noch in Deutschland gesehen. Die Deutschen hatten das berührende, liebevolle und magische Blood Brothers in ein überdimensioniertes Drama verwandelt, in dem alle Schauspieler kreischten und schrien, und alles war voll Blut. Ich hasste es, hasste es, hasste es.

Jetzt bin ich wieder in London. Zwar bin ich, wie die meisten von Ihnen sicherlich wissen, noch immer jung und schön, doch bin ich diesmal nicht gekommen, um ins Theater zu gehen. Ich bin auf Einladung einiger Organisationen, Universitäten und ein paar anderer Einrichtungen hier, die mich um eine Vortragsreihe baten. Übrigens hat keiner meiner Vorträge etwas mit Blood Brothers zu tun. Anlass ist die Israeli Apartheid Week oder so etwas Ähnliches, und keiner meiner britischen Gastgeber hat vor, für mich zu singen oder zu tanzen. Sie ziehen es vor, zu sitzen und mir zuzuhören.

Nur gibt es da noch ein Problem: Wo ist die Bühne?

Kaum bin ich im Lande Ihrer Majestät gelandet, sammelt mich ein gut gekleideter, ursprünglich aus Bangladesch stammender Fahrer ein, um mich an mein Ziel zu bringen. Doch was ist eigentlich mein Ziel? Ich weiß es nicht. Ich frage den Fahrer, wohin er mich bringt, aber alles, was er weiß, ist, dass ich zur Cambridge-Universität soll. Aber wohin auf dem Campus der Universität? Das, sagt er mir, soll ich ihm sagen, sobald wir auf dem Campus sind.

Soll ich ihm sagen, dass ich keine Ahnung habe? Ich möchte ihn ungern enttäuschen, und deshalb setzt er die Fahrt fort. Währenddessen erzählt er mir, dass er Muslim ist, und ich erzähle ihm, dass auch ich Muslim bin. Also sind wir zwei Glaubensbrüder auf einer Fahrt nach nirgendwo. Das ist zugegebenermaßen bizarr, aber es beginnt mir auch zu gefallen. Es ist fast so dramatisch wie Blood Brothers.

Wir muslimischen Brüder plaudern angeregt über die aktuellen Fragen des Islams. Es stellt sich heraus, dass wir in allen Punkten derselben Meinung sind. Die einzige Frage, die ungelöst bleibt, ist für den Islam ohne Belang: Wo, zur Hölle, fahren wir eigentlich hin?

Um das Problem zu lösen, rufe ich den Menschen an, der den Fahrer bestellt hat. Es hebt jemand ab, und es stellt sich heraus, dass es ein wirklich netter Typ ist. "Wo an der Cambridge-Uni", frage ich ihn, "soll ich aussteigen?"

"Ich werde es Sie wissen lassen", sagt er.

Mit anderen Worten: Der Ort ist – zumindest vorerst – geheim. Langsam, aber sicher dämmert mir, dass ich zu dieser Israeli Apartheid Week von einer geheimnisvollen Studentengruppierung eingeladen wurde, die sich erst im letzten Moment zu erkennen geben wird. Als wir uns Cambridge nähern, ruft mein muslimischer Bruder den mysteriösen Studenten an und fragt nach der genauen Richtung. Man sagt ihm einen Straßennamen, aber keine Hausnummer.

Mein Bruder im Glauben biegt in die genannte Straße, telefoniert erneut mit dem Anführer der mysteriösen Studentengruppierung und fragt nach der Hausnummer.

Der Kolumnist mitten in London ©  Isi Tenenbom

Aber er bekommt sie nicht. Stattdessen bekommt er Haus für Haus Anweisungen für die Weiterfahrt. Bis ihm gesagt wird, er solle halten.

Der Fahrer und ich, wir glühenden Anhänger des Islams, starren auf das Haus vor uns, mein Ziel: ein jüdischer Tempel. "Was hast du mit den Juden zu tun?", fragt er. Ich hätte nicht gewusst, dass sie Juden seien, antworte ich. Die Synagoge ist, nebenbei bemerkt, auch nicht der Ort, an dem ich meine Rede halten werde. Der Ort ist noch immer geheim.

Yeah.

In einer hiesigen jüdischen Zeitung, den Jewish News, habe ich eine ganzseitige Anzeige für ein Galadinner gesehen. Gastgeber war eine Organisation, die sich ZF (Zionist Federation) for Israel nannte. Hier die Details: Veranstaltungsort: eine zentrale Londoner Örtlichkeit. Ehrengast: ein ranghoher israelischer Abgeordneter.