"Angela", sagte der französische Präsident François Hollande und dann mit seltsam verstärkter Betonung, "Merkel". Als stünde die Dame nicht neben ihm. Der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel aber fiel es auch nicht leicht, ihr Gegenüber anzusprechen: "Ich unterstütze, was der französische Präsident François Hollande gesagt hat", bemerkte die Kanzlerin. Früher redete man sich an gleicher Stelle im Pariser Élysée-Palast auch schon mal öffentlich mit "Angela" und "François" an.

Ein ungewöhnlich düsterer Ton lag über den Gesprächen, die Präsident und Kanzlerin an diesem Freitag in Paris führten. Gerade hatten beide am Telefon mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Einhaltung des Waffenstillstands in Syrien gesprochen. Beide vermittelten anschließend ihre Hoffnung, dass es Putin nun ernst meine mit einer politischen Lösung für Syrien und die Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition in dem Kriegsland mit ihnen gemeinsam vorantreibt. Doch es blieb eine vage Hoffnung.

Das wichtigste Thema das Hollande und Merkel an diesem Morgen behandelten aber war die europäische Flüchtlingskrise. Kein Blatt soll auf dem bevorstehenden EU-Sondergipfel zur Flüchtlingsfrage Anfang nächster Woche zwischen ihre Positionen passen. "Wir stimmen vollkommen überein", sagte die Kanzlerin. "Frankreich und Deutschland haben die gleiche Antwort auf die Flüchtlingssituation. Sie lautet: Europa", sagte der französische Präsident. Es wäre verheerend, wenn beide Länder jetzt nicht eine gemeinsame Strategie verfolgten, wenn es um die bevorstehenden Verhandlungen mit der Türkei und Griechenland geht, um der dramatischen Lage der Flüchtlinge nicht nur in diesen Ländern gerecht zu werden.

Meinungsverschiedenheiten werden nicht angesprochen

Die Regierungen in Paris und Berlin wollen gemeinsam Griechenland helfen, die dortigen Hotspots für die Flüchtlingskontrolle stärken und sehen auch schon Fortschritte. "Die Arbeitsteilung zwischen Nato, Griechenland und der Türkei bei der Grenzüberwachung kommt voran", sagte Hollande. Merkel "freute sich sehr", dass Frankreich zur Unterstützung der Nato-Mission ein Kriegsschiff in die Gegend beordern würde. Immer wieder betonten beide, dass es nur gemeinsame Lösungen gäbe: "Selbst wenn jetzt in Deutschland weniger Flüchtlinge ankommen, hat Griechenland das Problem", sagte Merkel.

Doch der gemeinsame Auftritt wäre glaubwürdiger gewesen, wenn Präsident und Kanzlerin auch die Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen angesprochen hätten. Es ist gar nicht lange her, da rügte der französische Regierungschef Manuel Valls auf Besuch in München öffentlich die großzügige deutsche Flüchtlingspolitik und forderte einen Stopp der Flüchtlingsaufnahme. In Berlin hatte Valls' Auftritt Entsetzen ausgelöst. Doch jetzt: Kein Wort darüber! Nur jeweils eine Frage gestatten Präsident und Kanzlerin den französischen und deutschen Journalisten in Paris. Eine betrifft Putin, eine die Türkei. Glück gehabt! Denn so treten die eigenen, deutsch-französischen Probleme nicht zutage. Wie anders aber, wie viel entspannter und auskunftsreicher waren solche Begegnungen im Élysée-Palast in der Vergangenheit verlaufen!

Keine Kraft für politischen Willensakt

Dabei erwartet man gerade heute, nicht zuletzt in Frankreich, gemeinsame Führungsqualitäten von Präsident und Kanzlerin. Das deutsch-französische Paar sei abgemeldet, nur noch das deutsch-griechische Paar funktioniere in der Flüchtlingskrise, hatte erst am Vortag des Treffens im Élysée-Palast die Pariser Tageszeitung Le Monde zu Bedenken gegeben. Das mochte in der Sache nicht hundertprozentig stimmen, denn noch funktioniert die alltägliche Regierungszusammenarbeit zwischen Paris und Berlin, der Gipfel am Montag wird es vermutlich zeigen. Aber der Kommentar von Le Monde spiegelte einen allgemeinen Eindruck auch an diesem Freitag: Hollande und Merkel sprechen nicht wie aus einem Mund, sie haben sogar Schwierigkeiten, sich beim Namen zu nennen.

Die Gründe dafür sind vielfältig, einer davon aber liegt aus französischer Sicht auf der Hand: Nach dem Attentat gegen Charlie Hebdo vor etwas mehr als einem Jahr fanden sich Hollande und Merkel noch schnell zusammen, demonstrierten sogar gemeinsam. Das gelang nach den Attentaten vom 13. November in Paris nicht mehr: Wieder dachte der Präsident nun in erste Linie an die Terroristen, die Kanzlerin aber hatte inzwischen mit den Flüchtlingen ganz andere Prioritäten.

Seither haben beide nicht mehr die Kraft zu einem gemeinsamen politischen Willensakt gefunden. Auch dieser Freitag bot am Ende nur Geschäftsmäßiges. Das ist nicht unwichtig. Aber das ist angesichts des Gewichts der Krise nicht genug. "Ganz Europa steht auf dem Spiel", hatte Hollande erst am Vortag in Gesprächen mit dem britischen Premierminister David Cameron bemerkt. Diese Einsicht aber erschien am nächsten Morgen im Élysée-Palast schon wieder abwesend.