Nadija Sawtschenko sang, als sie das Urteil hörte. Aus Verachtung und Verzweiflung zugleich. Die ukrainische Kampfpilotin wurde am Dienstag in der südrussischen Stadt Donezk zu 22 Jahren Lagerhaft verurteilt. Damit kamen die Richter der Forderung der Staatsanwaltschaft weitgehend nach. Zusätzlich wurde sie noch zu einer Geldstrafe wegen illegalen Grenzübertritts verurteilt.

Das Urteil ist die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges mit anderen Mitteln. Dieser Prozess war ein politisches Exempel: Die russischen Richter haben Rache genommen an einer ukrainischen Frau, die sich im Krieg auf die Seite ihres Landes gestellt hat – und nicht auf die Seite der von Russland unterstützten Separatisten.

So wie das Verfahren geführt wurde, war es von unabhängiger Wahrheitsfindung weit entfernt. Beweise wurden so hingebogen, wie man sie haben wollte, wichtige Zeugen gar nicht erst gehört, wie zum Beispiel jener, der im Interview mit einer russischen Website erklärte, dass er Sawtschenko festgenommen habe. Interessant war der Zeitpunkt: Sawtschenko wurde vorgeworfen, sie habe den Standort zweier russischer Journalisten weitergegeben, die daraufhin von Granaten beschossen wurden und starben. Der nicht gehörte Zeuge sagte aber, er habe Sawtschenko deutlich vor dem Beschuss gefangen genommen. Das wollte niemand im Gericht hören. Das Ergebnis des Prozesses stand von vornherein fest: schuldig!

Harte Haftbedingungen

Der Fall Nadija Sawtschenko steht in einer Reihe von Verhaftungen ukrainischer Staatsbürger durch russische Behörden. Der ukrainische Regisseur Oleh Senzow wurde im vergangenen Sommer zu 20 Jahren Straflager verurteilt. Es gibt Dutzende weitere Ukrainer, die in russischen Gefängnissen einsitzen. Die meisten sind angeklagt wegen Vergehen aus der heißen Phase des russisch-ukrainischen Konflikts.

Was diese Verurteilungen bedeuten, liest man am besten bei dem russischen Schriftsteller Anatolij Pristawkin nach. Er war zu demokratischeren Zeiten Russlands unter dem ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin Chef der präsidialen Begnadigungskommission. Er beschrieb in den neunziger Jahren die Situation von Verbrechern, von Menschen, die auf ihr Urteil warteten, die Zustände in Lagern und Gefängnissen anhand von Zeugenaussagen der Insassen. Pristawkin zitierte aus verzweifelten Briefen, die er bekam: "Ich bitte Sie, mein Todesurteil zu unterschreiben und das Innenministerium Russlands anzuweisen, es zu vollstrecken." Das sei besser gewesen, als weiterzuleben. Die Gefängnisse in Russland, schrieb Pristawkin resigniert, "sind noch immer ein Mittel der Strafe und nicht der Erziehung".

Hoffnung auf Austausch

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Hinzu gekommen ist die politische Dienstbarmachung der Justiz, vor allem seit Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Wladimir Putin. Die Zahl der Gerichtsurteile, die den Interessen der Staatsmacht entgegenlaufen, hat stark abgenommen. Insofern droht Sawtschenko wie auch dem Regisseur Oleh Senzow ein reiner Rachevollzug. Sie dürfen stellvertretend den Kopf hinhalten für viele Ukrainer, die sich 2014 gegen Russlands Intervention erhoben haben.

Eine Hoffnung aber bleibt Nadija Sawtschenko. Ihr Fall ist zum rechtspolitischen Symbolfall der russisch-ukrainischen Auseinandersetzung geworden. Über sie wird in den Medien beider Länder fortlaufend berichtet. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat ihre Freilassung gefordert und angeboten, sie gegen zwei von der Ukraine inhaftierte Mitglieder des russischen Geheimdienstes GRU auszutauschen. Da Moskau ein Interesse hat, die beiden GRU-Agenten zurückzubekommen, hat Sawtschenko wohl berechtigte Aussichten auf einen Austausch.

Für die vielen anderen inhaftierten Ukrainer gilt das leider nicht.