Das Oberste Gericht in Nordkorea hat Otto Frederick Warmbier, einen 21-jährigen Studenten aus den USA, zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Er habe einen Banner mit einem politischen Slogan aus einem Hotel in Pjöngjang stehlen wollen. Warmbier hat laut Nordkoreas Behörden gesagt, es sei als Trophäe für die Mutter eines Freundes gedacht gewesen, die ihm dafür Geld versprochen habe. Nach nordkoreanischen Angaben hat Warmbier "unter der Anleitung der US-Regierung" gehandelt, um die "Fundamente der Einheit" des Landes zu erschüttern.

ZEIT ONLINE: Herr Frank, 15 Jahre Arbeitslager für das Stehlen eines Banners: War diese harte Strafe zu erwarten?

Rüdiger Frank: Das Ganze wurde als staatsfeindliche Aktion eingestuft. Das stimmt mit unserer Sicht nicht überein. Aber in Nordkorea ist ein Spruchband mit dem Namen des Führers mehr als nur ein Stück Stoff. Im Rahmen der Gesetze Nordkoreas war das Strafmaß daher normal.

ZEIT ONLINE: Muss Warmbier die Strafe wirklich absitzen?

Frank: Wahrscheinlich nicht. Bei Ausländern ist das gewöhnlich nach einigen Monaten erledigt. In den vergangenen Jahren gab es mehrere solcher Verfahren, oft gegen Amerikaner. Bei ihnen scheint man besonders strikt zu verfahren, es ist eben der Feind Nummer Eins.

ZEIT ONLINE: Was waren das für Leute?   

Frank: Das waren Menschen, die die Regeln des Systems nicht verstanden oder bewusst ignoriert haben: Christen, die im Land missionieren wollten; ein Herr, der im Transitbereich des Flughafens seinen Reisepass zerriss und um Asyl bat; zwei Journalistinnen, die illegal über den Fluss aus China kamen. Die Nordkoreaner provozierten diese Handlungen nicht, nutzen sie aber gern.

ZEIT ONLINE: Das klingt wie: tja, selbst schuld.

Frank: Ich will das nordkoreanische System nicht verteidigen. Es ist eine menschenverachtende, brutale Diktatur. Die Höhe der Strafe für solch eine dumme Tat können wir auf Basis unserer Werte nicht akzeptieren. Aber man kann nicht gegen das dortige Recht verstoßen und sich dann wundern, wenn man bestraft wird. Warmbier hat einen für Unbefugte gesperrten Bereich betreten und hat dort etwas gestohlen, das auch noch einen symbolischen Wert hat. Vielleicht ist er auch angestiftet worden.

Übrigens: Er hat vermutlich auch Nordkoreaner gefährdet durch sein Verhalten. Für jede Touristengruppe sind normalerweise zwei Reiseführer zuständig. Sie haben aus Staatssicht ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt. Als Westler kommt man am Ende noch halbwegs davon; was den Begleitern passiert, werden wir hingegen nie erfahren.

ZEIT ONLINE: Warum hat Nordkorea den Warmbier-Prozess öffentlich gemacht?

Frank: Als Demonstration gegenüber der Welt und der eigenen Bevölkerung. Denen kann das Regime einmal mehr zeigen, was für ein verkommenes Wesen der Amerikaner ist. Außerdem muss man jetzt wieder mit Pjöngjang sprechen. Und das, obwohl der Westen gerade entschieden hat, Nordkorea zu ignorieren. Sie bekommen eine Art Anerkennung, auch durch prominente Gesprächspartner. Das waren in der Vergangenheit beispielsweise Ex-Präsidenten wie Bill Clinton oder Jimmy Carter. Ist das erreicht, können die Gefangenen meist gehen. Das Regime ist ja daran interessiert, sie schnell wieder loszuwerden.

ZEIT ONLINE: Warum?

Frank: Warmbier hat öffentlich geweint, sich tief verneigt; das hat man ihm vermutlich nahegelegt. Damit hat er einen Teil seiner Propagandafunktion erfüllt. Der zweite Teil wird die schmachvolle Abholung des reuigen Verbrechers durch einen hochrangigen Amerikaner sein. Hier kann die nordkoreanische Führung Großmut demonstrieren. Mehr geht nicht; alles andere ist eine Bürde für das Regime. Während der Haft müsste man dafür sorgen, dass Warmbier gesund bleibt und sich nichts antut. Keiner will dort Schlagzeilen wie: "Amerikanischer Student stirbt in nordkoreanischer Haft."

ZEIT ONLINE: Kann das dem Regime nicht egal sein oder sogar zur Abschreckung dienen?

Frank: Eben nicht. Nordkorea ist sein internationaler Ruf nicht egal, auch wenn es uns oft so scheint. Sie haben kein Problem damit, Härte zu zeigen, wenn sie sich im Recht sehen. Aber sie wollen nicht als willkürlich angesehen werden. Sie selbst verurteilen ja die Amerikaner immer wieder für Menschenrechtsverletzungen wie Guantanamo.