So wie er aussieht, könnte er noch immer mit den Punks abhängen und Bier trinken, er würde nicht auffallen. Christian Mertens, 25, trägt dunklen Bart, kurze Haare, schwarzen Kapuzenpulli, Lederarmband. Die Wochenenden seiner Jugend verbrachte er mit Dosenbier unten an der Elbe, wo sich in seiner Heimat Magdeburg die Coolen trafen: Menschen, die "Anarchie"-Aufnäher auf ihren Rucksäcken und Springerstiefel an ihren Füßen trugen. Sie wollten frei sein, ohne Regeln leben, schimpften auf Nazis und auf das System. Mertens schimpfte mit.

Jetzt schaut er oft auf die Tischkante vor sich, seine Finger ineinander verschränkt, und überlegt sich jedes Wort genau. Er will sich richtig ausdrücken. "Ich wünsche mir eine sichere Zukunft für mich und meine potenziellen Kinder", sagt er. "Ein Leben in geordneten gesellschaftlichen Verhältnissen." Deswegen sitzt Mertens vor himmelblauen Plakaten, die den Schutz deutscher Grenzen fordern, in der Landeszentrale seiner Partei. Deswegen ist er Mitglied der Alternative für Deutschland geworden.

Zehn Jahre vom Punk zur AfD

Mertens hat in Kauf genommen, dass einige seiner Freunde von früher nicht mehr mit ihm reden wollen. Mehr noch, dass sie ihn verprügeln wollten im vergangenen Sommer, unten an der Elbe, dort, wo sie so oft Dosenbier tranken. Sie beschimpften ihn als Rassisten und Faschisten. Da wusste er, für ihn ist kein Platz mehr hier. Nach mehr als zehn Jahren.

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Zehn Jahre dauerte es vom ersten Dosenbier mit den Punks bis zum Eintritt in die AfD. Von dem Wunsch nach absoluter Unabhängigkeit zum Bedürfnis nach Sicherheit. Von Anarchieträumen zum starken Staat. Von "Nazis raus" zu "Asylchaos stoppen". Von "No Borders, No Nations" zu "Grenzen sichern". Mertens war mal so etwas wie ein Linker. Jetzt leitet er einen Kreisverband der AfD-Jugendorganisation in Sachsen-Anhalt, der Jungen Alternative. Mertens ist jetzt ein Rechter. Was ist in diesen zehn Jahren passiert?

In keinem anderen Bundesland findet die AfD so viel Zuspruch unter jungen Menschen wie in Sachsen-Anhalt: 30 Prozent der Unter-30-Jährigen würden der Partei ihre Stimme geben. Nach der Landtagswahl am Sonntag könnte sie drittstärkste Kraft im Parlament werden, noch vor der SPD.

Zum Erfolgskonzept der Partei gehört auch, bisherige Nichtwähler und Neuwähler für sich zu gewinnen. Junge Leute wählen die Partei nicht nur, sie engagieren sich auch für sie. Die Junge Alternative Sachsen-Anhalt zählt laut eigenen Angaben rund hundert Mitglieder und ist damit der drittgrößte Jungverband der Partei in Deutschland, in Mertens Kreis, zu dem Magdeburg und die Börde zählt, sind es 37. Das ist nicht schlecht für einen Verband, der erst seit einem Jahr existiert, in einem Bundesland mit 2,3 Millionen Einwohnern.

Arnold Schwarzenegger als Idol

Mertens ist jemand, der sich mit Politik auseinandersetzt, er hat Politikwissenschaft in Halle studiert. Für seinen Master in Friedens- und Konfliktforschung kam er zurück nach Magdeburg. Er hat eine Freundin. Er liest viel, Politik- oder Geschichtsbücher. Wenn es etwas Leichtes sein soll, dann Science Fiction. Seine Freizeit verbringt er mit Kraftsport, im Schützenverein oder in Bars mit seinen Freunden, in den gleichen Punkbars wie früher. Seine politischen Idole sind AfD-Vize Alexander Gauland wegen seiner intellektuellen Art. Und Arnold Schwarzenegger, wegen seiner Lebensleistung und seinem Willen, das Beste aus seinem Bundesstaat zu machen.

Hat Mertens einen Satz beendet, schaut er einen an, lächelnd, mit einem kindlichen Gesicht, das sich unter seinem Bart versteckt. Als ob er einem gerade ein Halsbonbon angeboten hätte.

Und dann sagt er plötzlich Sachen, die überhaupt nicht dazu passen: Mit den Flüchtlingen komme eine Kultur ins Land, eine "vitale" fremde Kultur mit dem Ziel, die deutsche zu ersetzen. Ob er das angesichts der Zahlen – 1,1 Millionen Flüchtlinge 2015 auf 80,5 Millionen Einwohner – ernsthaft befürchte? Mertens: "Längerfristig gesehen, damit meine ich 100 Jahre, ja." Wieder das Halsbonbon-Lächeln.