Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan © Legnan Koula/EPA/dpa

Mit Unverständnis haben deutsche Journalisten darauf reagiert, dass die türkische Regierung sich beim deutschen Botschafter in Ankara über einen Satirebeitrag des Norddeutschen Rundfunks beschwert hat. Der Deutsche Journalisten-Verband bezeichnete die diplomatische Intervention des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als "lächerlich".

Der DJV-Vorsitzende Frank Überall sagte: "Der türkische Machthaber Erdoğan hat offenbar die Bodenhaftung verloren." Wenn er wegen einer Satire "den deutschen Botschafter in den Senkel stellt, haben die Macher von extra 3 ins Schwarze getroffen. Glückwunsch dazu!" Über das berechtigte Gelächter in sozialen Netzwerken dürfe aber nicht übersehen werden, dass "die Verfolgung kritischer Journalisten in der Türkei bittere Realität ist". Er hoffe, dass der deutsche Botschafter in Ankara den türkischen Präsidenten auf die Bedeutung des Grundrechts Pressefreiheit hingewiesen habe, sagte Überall.

Extra 3 hatte am 17. März ein satirisches Lied über Erdoğan zur Melodie von Nenas Irgendwie, irgendwo, irgendwann ausgestrahlt. Das Außenministerium hatte daraufhin den deutschen Botschafter zu einer Unterredung geladen. Türkischen Diplomaten zufolge soll Botschafter Martin Erdmann dabei aufgefordert worden sein, die Veröffentlichung des NDR-Beitrags zu stoppen.

Das Auswärtige Amt wollte die Einbestellung des Botschafters nicht kommentieren. Auch die Bundesregierung schweigt über den Fall, was vonseiten der Opposition kritisiert wird. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth von den Grünen sagte: "Das laute Schweigen der Bundesregierung über den zunehmenden Rechtsstaatsverfall in der Türkei wird von der türkischen Regierung offenbar ausgekostet." Die fatale Abhängigkeit, in die sich die Bundesregierung gegenüber der Türkei begeben hat, müsse sofort beendet werden. Der Flüchtlingsabwehr-Deal mit der Türkei sei nicht nur teuer erkauft, sondern "er wird uns auch teuer zu stehen kommen".

Roth meint damit das Abkommen der EU mit der Türkei über die Rücknahme von in Griechenland festsitzenden Flüchtlingen. Auch die Linke-Außenpolitikerin Sevim Dağdelen kritisierte die Zurückhaltung der Bundesregierung: "Erdoğans Arm reicht mittlerweile bis nach Deutschland. Das Auswärtige Amt muss endlich klar Stellung zur Verteidigung der Pressefreiheit beziehen." Es könne nicht sein, dass die Regierung zur Einbestellung des deutschen Botschafters schweigt. "Unsere Grundrechte dürfen nicht auf dem Altar des schäbigen EU-Türkei-Deals geopfert werden", sagte Dağdelen.

"Extra-3"-Redaktion provoziert weiter

Die Redaktion von extra 3 reagierte hingegen prompt und ernannte Erdoğan noch am Montagabend zum "Mitarbeiter des Monats". Kommentar zum gerahmten Foto des Präsidenten: "An ihm kam einfach keiner vorbei."

Beim NDR sei bislang noch keine Beschwerde eingegangen, sagte Andreas Cichowicz, NDR Chefredakteur Fernsehen, dem Tagesspiegel. "Dass die türkische Regierung wegen eines extra-3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar. In Deutschland ist politische Satire erfreulicherweise erlaubt." Darunter falle auch der extra-3-Beitrag.

Das Video zu dem fast zweiminütigen Lied Erdowie, Erdowo, Erdoğan wurde auf YouTube mittlerweile fast 450.000 Mal abgerufen. Außerdem ist es seit dem Nachmittag auch mit englischem Untertitel verfügbar. In Kürze soll es auch eine Version mit türkischem Untertitel geben, verspricht die extra-3-Redaktion.

Außerdem verwies die Redaktion auf ein etwas älteres Video aus dem Jahr 2014. Darin zu sehen ist Erdoğan, dargestellt als Teufel, der die Versammlungs- und Pressefreiheit unterdrückt.