Wenn ich an Ostern in meiner Heimat spazieren gehen werde, werde ich in meinem Kopf mitzählen: eins, zwei, drei, AfD, eins, zwei, drei, AfD. Traurig. Aber fast jeder vierte Wähler hat in Sachsen-Anhalt bei den Landtagswahlen am vergangenen Sonntag für die AfD gestimmt. 

Ich lebe in Berlin, bin aber in Gardelegen geboren und in Magdeburg aufgewachsen. Von hier aus habe ich verfolgt, wie der blaue AfD-Balken in Sachsen-Anhalt auf 24,2 Prozent kletterte. Mit dem Balken wuchs mein Bedürfnis, die Sachsen-Anhaltiner kräftig zu schütteln: Wisst Ihr eigentlich, wen Ihr da gewählt habt?

In Berlin war niemand zum Schütteln da. Also ging ich auf Facebook und las Sachen wie: "Schäm dich Sachsen-Anhalt", "Tja, was machste mit so Leuten", oder: "Diese Hohlköpfe!" Posts von Menschen, die ich in den vergangenen Jahren in Berlin, München oder Hamburg kennengelernt habe. Und plötzlich wurde ich zur Lokalpatriotin.

Protest aus Frust

Ja, der Erfolg der AfD basiert auf Ressentiments gegenüber Ausländern. Aber nicht nur. Die Menschen wählten Protest, weil sie sich abgehängt und diskreditiert, ignoriert und nicht ernst genommen fühlen.

Abgehängt, weil sie für den gleichen Job immer noch weniger bekommen als im Westen. Laut IAB-Betriebspanel lag der monatliche Durchschnittslohn in Sachsen-Anhalt 2014 bei 2.360 Euro brutto, im Westen bei 3.180 Euro.

Diskreditiert, weil sie ja mitbekommen, dass die bundesdeutsche Gesellschaft sie und die anderen Menschen im Osten als Jammerer, Nazis oder Hinterwäldler abtut, Stichwort Dunkeldeutschland. Sie hören die Botschaft: Ihr gehört nicht zu uns.

Ignoriert, weil sie immer noch die Neuen sind. Sie werden in der deutschen Öffentlichkeit weniger wahrgenommen als die alten Bundesländer. Freunde von mir haben lange gar nicht mitbekommen, dass in Sachsen-Anhalt überhaupt eine Wahl stattfand. Und als während des Wahlkampfs über die Entscheidungen der öffentlich-rechtlichen Medien debattiert wurde, kannte jeder die Meinung von Malu Dreyer, Julia Klöckner, des SWR. Aber dass der MDR André Poggenburg von der AfD nicht einlud, den Landesvorsitzenden der jetzt zweitstärksten Partei, dazu gab es nur ein paar Anstandsartikel.

Und schließlich nicht ernst genommen, weil die Aussage "Deutschland ist reich, uns geht es gut" für viele nicht stimmt. Die Arbeitslosenquote Sachsen-Anhalts ist die dritthöchste Deutschlands, die Wirtschaftsleistung die schlechteste und kein anderes Bundesland schrumpft mehr. Die Menschen in den Kleinstädten und Dörfern sehen zu, wie ihre Heimat ausstirbt. Sie haben eben Angst um ihre Existenz.

Die merken das

Und das verstehe ich. Ich begreife sogar den Impuls, mit der AfD zu sympathisieren. Auch sie steht für Frust, für Wut auf die gegenwärtige Politik und sieht sich als Opfer von Pauschalverurteilungen. Aber mein Verständnis hört auf, wo der Rassismus der AfD beginnt.

Die AfD hat de facto nur eine Forderung: Flüchtlinge raus. Deutsche zuerst, das ist die Idee; vor Syrern und Irakern, vor Serben und Kosovaren sowieso. Wer die AfD wählt, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, trifft also nur die, die am wenigsten dafür können: Frauen, Männer und Kinder, die selbst gar nichts haben.

Und er fällt auf falsche Versprechen rein. Ein AfD-Wähler mag denken: Die Partei will den Deutschen statt den Flüchtlingen geben, und die Deutschen, das ist ja er. Tatsächlich hat die AfD nicht die kleinen Leute im Sinn, das zeigt ihr geleaktes Wahlprogramm. Die Partei ist durch und durch neoliberal.

Wenn ich mit Schütteln fertig bin, möchte ich den Leuten in meiner Heimat erklären, dass die AfD nicht das richtige Ventil für ihren Protest ist. Und den Hamburgern, Berlinern und Münchnern aus meiner Timeline klarmachen, dass auch sie zuhören müssen, damit die Kritik ankommt. Wenn sie die Sachsen-Anhaltiner als Hinterwäldler abtun, bewirken sie nichts. Denn die merken das.