US-Wahl - Sanders bleibt weiter im Rennen Bernie Sanders hat beim Super Tuesday die Vorwahlen in vier Bundesstaaten gewonnen. Der Konkurrent Clintons hat viele Anhänger unter jungen Wählern. Er schloss ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Wahlkampf aus.

Kurz vor 17 Uhr Ortszeit kommt langsam Leben in die Halle. "A Future to Believe in" steht auf Plakaten und Bildschirmen, "Join the Political Revolution", rufen andere auf. Manche hier sind noch zu jung, um zu wählen, andere sind über 70 Jahre, manche sind Erstwähler, manche haben schon Ronald Reagan erlebt. Aber heute Abend sind sie alle gleich: Am Eingang werden sie von den Freiwilligen im Wahlkampfteam begrüßt wie Gladiatoren beim Einlauf in die Arena. 

Am Ende sind es mehr als 4.000 Kämpfer, die für ihren Kandidaten gekommen sind. Immer wieder schwappt eine Welle von Jubel und "Bernie, Bernie"-Rufen durch die Halle. "Hillary ist fake, Bernie ist echt", sagt Susan Moore, Web-Entwicklerin aus einem Nachbarort und spricht damit aus, was hier viele denken. Nirgends liebt man Sanders mehr als hier in Vermont. Am Abend will er gemeinsam mit seinen leidenschaftlichsten Wählern feiern, dass sie den Tag überstanden haben.

Hier in der Einrichtung Champlain Valley Exposition wollen sie den "Bern" noch einmal in vollen Zügen erleben. Denn glaubt man den Umfragen, könnte die Revolution von Links zu ihrem vorzeitigen Ende kommen. In elf Bundesstaaten stimmen die Demokraten darüber ab, wer für sie ins Rennen um das Präsidentenamt gehen soll – und kaum jemand zweifelt an diesem Tag daran, dass Hillary Clinton sich durchsetzen und ihre Position als Frontrunnerin festigen kann.

US-Vorwahlen - Clinton führt nach Super Tuesday bei US-Demokraten Die frühere First Lady und Außenministerin gewann in Texas, Arkansas, Alabama, Massachusetts, Tennessee, Georgia und Virginia.

Zu deutlich war ihr Sieg in South Carolina, zu groß ist ihre Unterstützung im Partei-Establishment, zu unbekannt ist die Marke Sanders da, wo es heute drauf ankommt. An diesem Abend will man das nicht glauben. Bernie, ruft ein Unterstützer ins Mikrofon von der Bühne herab, habe die Experten noch immer Lügen gestraft. Vorsichtshalber stimmt der Musiker Ben Folds die Halle mit Klaviertönen ein, die zu jedem Wahlausgang passen könnten.

Nur wenige Autominuten von der Anlage entfernt befindet sich Burlington, der Ort, den man besuchen muss, um das Bernie-Fieber zu verstehen. Mit gerade mal 38.000 Einwohnern ist die Stadt im Norden Vermonts die größte und wichtigste des Bundesstaates, der von Feldern und Bergen dominiert wird und den viele im Land als das Kanada der USA sehen – manchmal ist das als Kompliment gemeint, manchmal ein verächtliches Urteil, je nachdem, wo im Land man fragt. Hier bestimmen lokale Brauereien, Geschäfte für Ski-Ausrüstung und Coffeeshops das Bild, in denen junge Menschen in Outdoor-Kleidung an ihren Laptops sitzen und für ihre Examen an der University of Vermont lernen.

"Trump – Make America Great Again", steht auf einem einsamen Schild, das in der Wiese vor dem Robert Miller Community Center steckt. Niemand scheint sich hier allerdings für die Botschaft des Republikaners zu interessieren. Im Innern des Flachbaus haben gegen Mittag rund 20 Prozent der 3.367 registrierten Wähler ihre Stimme abgegeben. Am Ende des Tages dürften es rund 50 Prozent sein. Das klingt nicht viel, trotzdem gibt sich Thom Fleury, einer der Freiwilligen in Wahlbezirk 7, optimistisch. Das wäre schließlich fast so gut wie damals, als Barack Obama viele das erste Mal wieder für Politik begeistern konnte. Seit 7 Uhr morgens ist das Wahllokal geöffnet. Auch Bernie Sanders war schon hier, gleich um 7.30 Uhr, zusammen mit einem guten Dutzend Secret-Service-Agenten.

Burlington – das andere Amerika

Burlington ist das Epizentrum der Sanders-Bewegung. Hier war der heute 74-Jährige Bürgermeister, von 1981 bis 1989, dreimal wählten ihn die Bewohner wieder ins Amt, jedes Mal mit größerem Abstand zu seinen Herausforderern. Im letzten Wahljahr bescherten sie ihm einen schwindelerregenden Vorsprung von 56 Prozent. Dabei waren sie hier anfangs selbst skeptisch, was denn ein sozialistischer Demokrat mit ihrer Stadt machen würde. Heute ist die alte Skepsis längst vergessen, im Jahr 2016 trauern viele im Ort den Sanders-Jahren hinterher. Burlington, die kleinste größte Stadt Amerikas, ist eine Art Petrischale für das, was dem Rest des Landes unter seiner Führung blühen könnte.

In seinen Jahren in Burlington stärkte Sanders die Arbeiter im Ort und legte sich mit den Eigentümern eines riesigen Komplexes von Sozialwohnungen an, die ein Schlupfloch ausnutzen und die Anlage in Luxuswohnungen umbauen wollten. Heute ist Northgate Apartments, ein Komplex, der direkt am Ufer des Lake Champlain liegt, im Besitz der Bewohner. Der größte Supermarkt im Ort ist eine von den Kunden geführte Kooperative, die einst brachliegende Promenade ist ebenso in öffentlicher Hand wie der Energieversorger. Der gab erst vor Kurzem bekannt, dass Burlington die erste und einzige Stadt im Land sei, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien angetrieben wird.

Sie glaube zwar nicht, dass alle Ideen des Wahl-Vermonters auch in Washington umsetzbar seien, sagt Amanda Amend, als sie aus dem Wahllokal kommt. Trotzdem hat sie Sanders an diesem Tag ihre Stimme gegeben. Hillary sei ihr zu opportunistisch, sagt die Künstlerin, die seit 22 Jahren in Burlington lebt. Sanders dagegen sei authentisch, er stehe für das, was er sage. Besonders optimistisch, dass Sanders von den Demokraten nominiert wird, ist sie nicht. "In Vermont schon, aber im Rest des Landes wird es schwer", sagt sie. Sollte er es nicht schaffen, wird sie ihre Stimme im November schweren Herzens Clinton geben und hoffen, dass die zumindest Trump verhindern kann.

Sanders hat für Wirtschaftswachstum gesorgt

Nicht alle sind so großzügig. Troy Headrick etwa kann sich am Abend in Essex nicht vorstellen, Clinton zu unterstützen. Sie repräsentiere nicht die demokratischen Werte, für die Bernie Sanders stehe. "Sie kümmert sich nicht wirklich um das, was uns wichtig ist", sagt Headrick, während er in der Halle auf den Startschuss der Wahlparty wartet. Headrick arbeitet an der nahegelegenen Universität, seit 1986 lebt er in Vermont. "Und Sanders ist der erste Kandidat, der mich wirklich begeistert." So oder so ähnlich hört man es an diesem Abend von vielen. Sollte sein Kandidat es nicht schaffen, dann werde er entweder für den Kandidaten der Grünen stimmen oder eben zu Hause bleiben.

In Burlington ist man Sanders dankbar, ob er nun die Nominierung erhält oder nicht. Denn der Stadt geht es heute besser als vor seiner Ära. Ausgerechnet der selbst ernannte Sozialist aus Brooklyn zog neue Geschäfte und Unternehmer an wie ein Magnet. Der größte Snowboard-Hersteller hat seinen Sitz seitdem in Burlington, auch Seventh Generation, ein Hersteller umweltfreundlicher Putzmittel, startete in den Sanders-Jahren und ist heute mit einem Umsatz von 300 Millionen Dollar einer der größten Arbeitgeber hier. Rund ein Dutzend kleine Bauernhöfe siedelten sich mit Unterstützung des Bürgermeisters auf einem Landstrich im Norden der Stadt an und produzieren heute zehn Prozent aller Lebensmittel in Burlington.

Wer Sanders damals erlebte, beschreibt ihn heute als pragmatischen, hart arbeitenden und effizienten Bürgermeister. Sanders nordete die Stadt und ihre Bewohner nach seinen Idealen neu ein und machte die meisten von ihnen zu tiefgläubigen "Sanderistas". Am Ende gehörte selbst der 97-jährige Tony Pomerleau, reichster Einwohner Burlingtons und örtlicher Immobilientycoon, zu seinen Fans. Als Sanders 1989 abtrat, um in den Senat zu wechseln, wählten die Bewohner von Burlington einen engen Vertrauten zu seinem Nachfolger und hielten 16 Jahre lang an ihm fest.

Den Rest des Landes scheint all das heute allerdings nicht zu beeindrucken. Um kurz nach 19 Uhr Ortszeit trudeln die ersten Ergebnisse auch in der Halle in Essex ein. Clinton gewinnt wie erwartet Virginia und Georgia, Sanders sichert sich Vermont, alles andere wäre eine Überraschung gewesen. "Feel the Bern" hallt es wie zum Trotz noch einmal durch die Reihen. Dann endlich kommt Bernie und angesichts der Lautstärke in der Halle fühlt man sich tatsächlich kurz zurückversetzt in das von Obama verzauberte Amerika 2008.

"Es ist gut, zu Hause zu sein", ruft er mit einer Stimme, die von den langen 48 Stunden gezeichnet ist, die hinter ihr liegen. Seit dem Wahlauftakt im vergangenen Jahr war er nicht mehr hier, doch vergessen haben sie ihn nicht. "Es bedeutet mir viel, dass die Leute, die mich am besten kennen, so deutlich für mich gestimmt haben." Am Ende des Abends "werden wir hunderte Delegierte gewonnen haben", verspricht er. Dann wiederholt er die alten Mantras, für die sie ihn hier so lieben: Amerika dürfe nicht von Milliardären und Super-PACs zerstört werden, niemand solle in drei Jobs arbeiten müssen, um zu überleben. Er verspricht eine Reform des Justizwesens, greift die Republikaner an, weil sie den Klimawandel verneinen. "In dieser Kampagne", ruft Sanders seinen Unterstützern zu, "geht es nicht nur darum, den nächsten Präsidenten zu wählen, es geht um eine politische Revolution".

Ob es zu der tatsächlich kommt, ist da noch offen. Die Band stimmt die Hippie-Hymne This is your land an. Sanders schaukelt eine Weile mit, bevor er sich für ein paar Minuten durch die Menge schiebt und dann durch den nächsten Ausgang verschwindet. Viele sind da schon auf dem Weg zu ihrem Auto. Wie die Nacht ausgeht, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig.