Es klingt wie ein Traum: Alle Menschen werden bezahlt, weil sie am Leben sind. Ohne Wenn und Aber. Während die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens vor nicht allzu langer Zeit aber noch ins Reich der Utopien zu gehören schien, soll der Traum nun wahr werden. Vorreiter ist die Schweiz, wo Anfang Juni aufgrund einer erfolgreichen Volksinitiative darüber abgestimmt wird, ob künftig die gesamte Bevölkerung des Alpenstaates bedingungslos mit Geld versorgt wird.

So etwas gab es noch nie. Zwar taucht das Konzept immer wieder in akademischen Diskursen auf. Auch im Nachkriegsengland der 1920er sowie in den 1960er und 1970er Jahren in Nordamerika wurden ernsthafte öffentliche Debatten über das Grundeinkommen geführt. Sogar einige kleine Feldversuche gab es schon, etwa in Kanada und Namibia.

Doch all diese Bemühungen blieben stets lokal begrenzt – und ergebnislos. Das soll sich nun ändern, nicht nur in der Schweiz.

Armutsbekämpfung und ein neuer Arbeitsbegriff

Der Hype um das Grundeinkommen ist so groß wie noch nie, dazu trugen auch Nachrichten aus dem hohen Norden bei. Im Dezember letzten Jahres titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "800 Euro Grundeinkommen – für jeden" und behauptete, "die finnische Regierung bereitet offenbar ein monatliches Grundeinkommen" vor. Andere renommierte Medien schlossen sich der Meldung an – und berichteten, auch in Kanada, Neuseeland und den Niederlanden sei das Grundeinkommen auf dem Vormarsch. Es entstand der Eindruck, eine einflussreiche globale Bewegung sei entstanden, die eine der größten sozialpolitischen Revolutionen der Geschichte vorbereite.

Schließlich, so hoffen die Befürworter, könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht nur ein radikales Konzept der Armutsbekämpfung sein und den Menschen mehr Freiheit verschaffen, sondern dadurch müsste womöglich die Logik von Leistung und Gegenleistung, ja der Arbeitsbegriff an sich, ganz neu gedacht werden. Doch die Euphorie ist verfrüht. Stattdessen ist aus zwei Gründen Vorsicht geboten.

Experimente, keine Pläne

Erstens gibt es diese globale, wirkungsmächtige Bewegung (bisher) nicht. Viele der Meldungen über angeblich konkrete Pläne zur Einführung des Grundeinkommens waren schlichtweg falsch, so auch die Geschichte aus Finnland. Zwar hatte die im April 2015 neu gewählte Regierung ein Pilotprojekt zum Grundeinkommen vereinbart – mehr aber auch nicht. Ähnliche Experimente sind in der holländischen Stadt Utrecht und der kanadischen Provinz Ontario in Planung, Details stehen aber wie in Helsinki noch nicht fest. Und in Neuseeland zeigt lediglich die oppositionelle Labour Party Interesse am Grundeinkommen. Nirgendwo sind die Debatten also auch nur annähernd so weit fortgeschritten wie in der Schweiz.

Arbeitslose - Für ein Recht auf Faulheit In Berlin demonstrieren einmal pro Jahr Arbeitslose und Menschen, die es werden möchten. Sie treten für ein Recht auf Faulheit und ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Immerhin, könnte man sagen, das Grundeinkommen ist wieder in Mode gekommen. Und die Falschmeldungen sind im besten Fall neben medialer Aufmerksamkeitshascherei auch Ausdruck einer Sehnsucht nach sozialpolitischen Alternativen. Doch welche Alternativen sind eigentlich gemeint, wenn um ein Projekt gestritten wird, das Unterstützer wie Gegner quer durch alle politischen Lager hat? Können die Parteivorsitzende der Linkspartei, ein ehemaliger CDU-Ministerpräsident, Manager großer Unternehmen und die Globalisierungskritiker von Attac wirklich dasselbe meinen?

Natürlich nicht. Es ist der zweite, der entscheidende Grund, warum Vorsicht geboten ist, wenn vom Grundeinkommen die Rede ist. Um zu verstehen, was jeweils gemeint ist und welche Interessen damit verfolgt werden, sind vier Fragen von entscheidender Bedeutung: Wird das Grundeinkommen bedingungslos an alle ausgeschüttet? Um welchen Betrag handelt es sich und welche Sozialleistungen sollen ersetzt werden? Wie wird das Grundeinkommen finanziert? Und von welchen wirtschaftspolitischen Maßnahmen wird es flankiert? Anhand dieser Fragen lassen sich drei völlig unterschiedliche Modelle des Grundeinkommens unterscheiden: ein neoliberales, ein humanistisch-linksliberales und ein sozialistisches.