Im Gegenzug für die Rücknahme von Flüchtlingen aus Griechenland rechnet die türkische Regierung offenbar damit, dass die EU ihr schon bald große Flüchtlingskontingente abnimmt. "Die türkische Seite erwartet, dass die Europäer in wenigen Wochen damit beginnen, jährlich etwa 250.000 Syrer aus der Türkei aufzunehmen", sagte Gerald Knaus von der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative (ESI) der Welt am Sonntag. Knaus und das von ihm geleitete ESI gelten als wichtige strategische Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise.

Bisher waren keine Größenordnungen über die Vereinbarungen mit der Türkei bekannt, sondern nur das Prinzip des Flüchtlingspaktes: Für jeden Syrer, der aus Griechenland in die Türkei zurückgewiesen wird, darf ein Syrer aus dem Land auf legalem Weg in die EU. So soll die illegale Einreise nach Europa unattraktiv gemacht werden. Zunächst stehen für dieses Umsiedlungsverfahren 18.000 Plätze zur Verfügung.

Die Äußerungen von Knaus deuten aber darauf hin, dass die Türkei mit einer weit größeren Entlastung rechnet. Das vor drei Wochen in Kraft getretene EU-Türkei-Abkommen beinhaltet keine vertraglich vereinbarte Zahl, wie viele Syrer die Europäer aus der Türkei aufnehmen werden. Offenbar existieren darüber aber mündliche Absprachen. Wie dieses Kontingent innerhalb der EU verteilt wird, ist offen.

Seit Inkrafttreten des Pakts mit der Türkei sind nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung 80 Prozent weniger Flüchtlinge aus der Türkei nach Griechenland gelangt. Das meldet die Zeitung mit Berufung auf die EU-Grenzschutzbehörde Frontex.

Von Anfang des Jahres bis zum EU-Gipfel am 18. März, bei dem der Pakt zur Rücknahme und Umsiedlung von Flüchtlingen aus der Türkei vereinbart wurde, kamen demnach im Durchschnitt täglich 1.676 Flüchtlinge nach Griechenland. Seit das Abkommen gilt, also seit dem 20. März, seien es dann nur noch 337 Menschen am Tag gewesen.

Dem Bericht zufolge registriert die EU-Kommission diese Entwicklung mit Genugtuung. Mit der offiziellen Verkündung warte Brüssel aber noch ab, um zu sehen, ob sich der Rückgang über einen längeren Zeitraum bestätige.

Griechenland hatte im Rahmen des Flüchtlingspaktes mit Ankara am vergangenen Montag die ersten Flüchtlinge in die Türkei abgeschoben. Am selben Tag waren die ersten Syrer aus türkischen Flüchtlingslagern in Deutschland und einigen anderen EU-Ländern aufgenommen worden, wie es der Pakt vorsieht.

Am Samstag waren zum ersten Mal seit Inkrafttreten des Abkommens wieder Flüchtlinge in der Ägäis ertrunken. Ein Boot kenterte in rauer See vor der Insel Samos, wie die griechische Küstenwache mitteilte. Vier Frauen und ein Kind kamen ums Leben.

Zuletzt waren am 14. März acht Flüchtlinge in der Ägäis ertrunken. Insgesamt kamen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge seit Anfang des Jahres 418 Menschen in der Ägäis ums Leben, mehr als 140.000 Flüchtlinge schafften es auf die griechischen Inseln.