Als ich nach ein paar Wochen in Großbritannien nach Deutschland zurückkam, erlebte ich einen gewaltigen Kulturschock. Ich hatte das mir bisher unbekannte Gefühl, dass Deutschland auf einem völlig anderen Planeten läge.

Liegt es an mir, oder hat sich Deutschland verändert, während ich weg war?

Sicher, auch Großbritannien befindet sich gerade in einer Art Transformationsprozess. Ich war seit Jahrzehnten nicht auf der Insel gewesen und das Land, dass ich in den letzten Wochen bereiste, war ein anderes Großbritannien, als das mir zuvor bekannte. Fast überall, wo ich hinkam, trugen die Frauen Hidschābs oder Niqabs. Etwas, das es früher nicht gegeben hatte. Meine Verwunderung darüber war so groß, dass ich in die große Moschee im Osten Londons ging, um mich mit diesen Menschen, die ihre Köpfe verhüllen, persönlich bekannt zu machen. Ich traf dort auf eine Dame, die jungen Frauen Religionsunterricht gibt, und sie sprach mit mir über das "Migranten"-Problem, und wie wichtig es sei, dass eine Moschee wie die ihre, aus denen, die herkämen, diejenigen aussortiere, die sich mit dem "Islamischen Staat" identifizierten.

Tuvia Tenenbom in einer Londoner Moschee © Isi Tenenbom

Beachten Sie das Wort "Migranten".

In Deutschland sagt keiner "Migranten", man sagt "Flüchtlinge". Und Flüchtlinge sind, anders als Migranten, ein enorm großes Thema. Egal wen ich in Deutschland treffe, alle reden über Flüchtlinge. Einige Leute hier haben extreme Angst davor, dass dunkelhäutige Männer die Gebärmütter der liebreizenden blonden Damen beflecken könnten, was ein interessanter Ansatz ist, das muss ich zugeben. Andere Leute wiederum, meist selbst erklärte Linke, können sich nichts Schöneres vorstellen als zehn Millionen dunkelhäutige Männer und Frauen, die mit deutschen Pässen durch deutsche Straßen marschieren, was auch ein interessanter Ansatz ist, wie ich finde. Und dann gibt es diejenigen, die sich selbst wohl vorwiegend im Bildungsbürgertum verorten würden, die mir gegenüber predigen, dass Deutschland die Flüchtlinge aufgrund "unserer deutschen Verfassung" akzeptieren müsse, und weil es "moralisch geboten sei".

Mit anderen Worten, alle anderen Nationen sind unmoralisch.

Ich persönlich hätte, auch weil ich öfter in Deutschland bin, gerne mehr Syrer, Palästinenser und Libyer im Land, da ich persönlich die Araber mag, ihre Kultur, ihre Musik und ihr Essen. Andererseits bin ich für Afghanen und Pakistaner nicht so zu haben. Es tut mir leid, aber ich verstehe eben weder ihre Sprache noch mag ich ihr Essen. Anders gesagt, wenn es nach mir ginge, würde ich dieses Land mit Arabern bevölkern und den Rest nach Hause schicken.

Das ergibt doch Sinn, oder etwa nicht?

Ich versuche einige Deutsche von meiner Idee zu überzeugen und alle, ausnahmslos, werden sehr wütend auf mich.

Noch nie zuvor habe ich Deutsche erlebt, die mich so laut angeschrien haben. Ihre Köpfe wurden hochrot, wie Bloody Marys, sodass ich beschließe, vor diesen Irren zu flüchten.

Ich fahre zur Leipziger Buchmesse. Dort, da bin ich mir sicher, werden hochtrabende kulturelle Themen diskutiert, und niemand wird sich mit "Flüchtlingen" beschäftigen.

Was für ein Irrtum.

Auf der Eröffnungsfeier der Leipziger Buchmesse © Isi Tenenbom


Auf der Eröffnung der Messe erzählt uns Burkhard Jung, der Leipziger Oberbürgermeister: "Nicht die Flüchtlinge, sondern der Rassismus sind unser Problem." Die folgenden Redner, darunter Stanislaw Tillich (Ich kann nicht glauben, dass der immer noch im Amt ist. Ich habe diesen manipulativen Politiker vor Jahren einmal interviewt und hätte nicht gedacht, dass er die nächste Wahl überlebt, aber er ist immer noch da!), sagen alle etwas Ähnliches. Die Buchmesse, das wird mir langsam klar, ist eine Versammlung der Rechtschaffenen, die dafür kämpfen, die Flüchtlinge ins Land zu lassen, als Essenz der Demokratie.

Was genau die Demokratie mit Flüchtlingen zu tun hat, dürfen sie mich nicht fragen.

Das Publikum aus gut gekleideten Buch- und Kulturliebhabern applaudiert. Warum sie applaudieren, weiß ich nicht. Deshalb spreche ich im Verlauf des Abend mit einer von ihnen, einer Bibliothekarin, die mir erzählt, das extrem wichtig für sie sei, dass Deutschland alle Flüchtlinge der Welt aufnehme, und dass ihr Mann glücklicherweise derselben Meinung sei. Ich frage, was passieren würde, wenn ihr Mann nicht derselben Meinung wäre. "Es würde mir schwerfallen, bei ihm zu bleiben", sagt sie. Sie würde ihn versuchen zu überzeugen, dass er falsch läge, aber wenn es ihr nicht gelänge, würde sie ihn verlassen.

Kein Brite, das schwöre ich, könnte das jemals verstehen.

Ich spreche noch mit ein paar anderen Buchliebhabern und finde heraus, dass sie Flüchtlinge sogar noch viel lieber haben als Bücher.

Lassen wir sie.