Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat kritisiert, dass einige Migranten in den chaotischen Auffanglagern in Griechenland gar keine Chance hatten Asylanträge zu stellen. Demnach waren unter den ersten 202 Menschen, die mit Inkrafttreten des EU-Türkei-Abkommens am Montag deportiert wurden, 13 afghanische und kongolesische Flüchtlinge, deren Bitte um Asyl nicht gehört wurde.

Vincent Cochetel, der Direktor des Europa-Büros des UNHCR, sagte der britischen Zeitung The Guardian, die griechische Polizei hätte schlicht "vergessen", die Asylanträge der Flüchtlinge zu bearbeiten. Sie waren nach dem 20. März auf der griechischen Insel Chios angekommen. Auch nach dem Ende des Taliban-Regimes fliehen viele Afghanen vor dem islamistischen Terror und einem jahrzehntelang Bürgerkrieg in ihrem Heimatland. Im Osten der Demokratischen Republik Kongo gibt es seit Jahren Unruhen, denen viele Zivilisten zum Opfer fallen.  

Ob der Vorfall untersucht wird oder ob die 13 Flüchtlinge ihr Gesuch im Nachhinein vorbringen können, wollten EU-Verantwortliche dem Guardian am Dienstag nicht sagen. "Nach unseren Informationen waren sich alle Deportierten ihrer Rechte bewusst und hatten die Chance Asyl zu beantragen", sagte Tove Ernst, Sprecher zu Migrationspolitik für die EU-Kommission.

Griechische Behörden überfordert

Vor Zustandekommen des Abkommens hatten Menschenrechtler und Politiker wiederholt mehr Unterstützung für die griechischen Behörden gefordert, die die Abschiebungen kontrollieren müssen. Die Chefin der griechischen Asylbehörde Maria Stavropoulou hatte am Freitag gesagt, sie brauche 20 Mal mehr Mitarbeiter, um die Anträge der Migranten gründlich bearbeiten zu können.

Wenn sich die Vorwürfe des UNHCR als richtig herausstellen, verstößt das EU-Türkei-Abkommen gegen internationales Recht; unter anderem verpflichtet die Genfer Konvention alle Unterzeichnerstaaten dazu, Asylgesuche anzuhören. Die EU-Staatschefs hatten beim Unterzeichnen des Abkommens versprochen, die Abschiebungen in die Türkei "von Fall zu Fall" zu prüfen und niemanden "automatisch zurückzuführen". Menschenrechtsorganisationen verurteilen die Pläne als illegale Massenabschiebungen.

Offiziell sieht das Abkommen vor, dass alle nach dem 20. März in Griechenland eingetroffenen Flüchtlinge abgeschoben werden, die kein Asyl in Griechenland beantragten oder deren Anträge abgelehnt wurden. Die Flüchtlinge werden in Aufnahmezentren in der Türkei untergebracht, solange die türkischen Behörden über ihr weiteres Schicksal entscheiden. Die EU will für jeden aus Griechenland in die Türkei abgeschobenen Syrer einen Syrer aus einem türkischen Flüchtlingslager aufnehmen. In Hannover trafen am Montag bereits 32 syrische Flüchtlinge ein.

Doch schon am zweiten Tag gerieten die Abschiebungen in Stocken. Nachdem es zunächst hieß, dass am Mittwoch weitere 200 Migranten in die Türkei gebracht werden sollten, wurde dieser Plan nach Angaben der griechischen Regierung auf ihr Bitten hin gestoppt. Es solle erst am Freitag weitergehen.

Auf der griechischen Insel Samos traten rund hundert Flüchtlinge in einen Hungerstreik. Sie wollten verhindern, dass sie in die Türkei abgeschoben würden, sagte ein pakistanischer Flüchtling der Nachrichtenagentur AFP. Von dort würden sie nur nach Pakistan zurückgeschickt, dabei wollten sie in Deutschland Asyl beantragen, sagte er am Telefon.

Papst will Flüchtlinge auf Lesbos treffen

Unterdessen bestätigte die griechische Regierung, dass Papst Franziskus sich nächste Woche mit Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos treffen werde. Ministerpräsident Alexis Tsipras werde den Papst und den Patriarchen der griechisch-orthodoxen Kirche bei ihrem Besuch begleiten, verlautete aus Regierungskreisen in Athen. Ein genauer Termin wurde nicht genannt, es soll sich aber um den 14. oder 15. April handeln.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche habe den Wunsch geäußert, den Flüchtlingen seine Solidarität zu bekunden, hatte die orthodoxe Kirche in Griechenland zuvor mitgeteilt. Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., sei eingeladen worden, den Papst zu begleiten. Nach Angaben der Website dogma.gr ist der Besuch für den 15. April geplant.

Der Papst weist immer wieder auf das Leid von Flüchtlingen hin und verlangt mehr Hilfsbereitschaft, wie zuletzt auch während seiner Ostermesse. Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Franziskus im Juli 2013 die italienische Flüchtlingsinsel Lampedusa besucht.