Die Geschichte der jüdisch-christlich-islamischen Religionen dreht sich im Wesentlichen um zwei Tiere, ein irdisches und ein himmlisches.

Jetzt denken Sie, ich hätte den Verstand verloren. Habe ich aber nicht. Ich weiß ja nicht, wo Sie sich zurzeit aufhalten, aber ich bin gerade in Jerusalem. Eine großartige Stadt, das kann ich Ihnen sagen, mit grandiosen Geschichten.

Ein paar davon möchte ich hier erzählen.

Vor ungefähr 4.000 Jahren war ein Mann namens Abraham – gerüchteweise der erste Jude der Geschichte – drauf und dran, seinen Sohn auf einem der Hügel der Stadt Gott zu opfern, aber dann (lange Geschichte) opferte er stattdessen einen Schafbock, weil der ihn irgendwo auf dem Hügel angestarrt hatte.

Und seitdem, wer hätte das gedacht, ist dieser Hügel heilig.

So weit ganz einfach, oder?

Aber es wird ein bisschen komplizierter.

Ungefähr 1.000 Jahre später bauten die Nachfahren Abrahams einen Tempel auf demselben Hügel und nannten ihn Tempelberg.

Dieser Tempel, der zerstört und später wieder aufgebaut wurde, hatte noch lange Bestand, bis kurz nachdem in der Nähe des Hügels ein "Menschensohn" namens Jesus ermordet wurde und wiederauferstand. Jesus, übrigens, liebte diesen Ort.

Im Jahre 70 zerstörten die Römer, die uns später das Christentum brachten, wie wir es heute kennen, den Tempel.

Das Blut Jesu, sagten die Christen, habe den jüdischen Tempel ersetzt, und deshalb sei der Tempel nun weg.

So weit, so gut, oder?

Und tatsächlich blieb, soweit wir wissen, von dem jüdischen Tempel nichts übrig, außer einer Außenmauer, die als westliche Mauer oder Klagemauer bekannt wurde.

Sprung ins Jahr 620, wieder nur so ungefähr, als ein Prophet namens Mohammed von dort floh, was heute Saudi-Arabien heißt, und an einem Ort landete, der Al-Aksa genannt wurde. Wie er landete? Er landete nicht mit dem Flugzeug, sondern kam mit einem himmlischen Tier geflogen, einem Kamel oder einem Maultier – das weiß man nicht so genau – mit dem Namen Burak. Als er ankam, stieg er in den Himmel empor und machte dort oben himmlisches Zeug.

Können Sie mir noch folgen?

Jahre später, irgendwann zwischen 680 und 710, plus/minus ein paar Jahre, wurde eine Moschee auf den Ruinen des alten jüdischen Tempels gebaut und Al-Aksa getauft.

Ja. Al-Aksa wurde gebaut, nachdem der Prophet gestorben war, was logischerweise bedeutet, dass er dort nicht landen konnte – aber konnte er doch. Wie kommt das? Tja, die Macht der Religion liegt ja nicht darin, dass sie einen Sinn ergeben muss; sonst wäre es keine Religion, sondern Logik.

Warum erzähle ich Ihnen das alles?

Wegen der Unesco, der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur.

Und darum geht es:

Im März 2015 übermittelten Jordanien und Palästina einen Bericht an die Unesco, in dem sie behaupteten, dass Israel "versucht, die Al-Aksa-Moschee zu judaisieren", und sie beschuldigten Israel, "als Teil einer Judaisierungspolitik die Benutzung von unislamischen Namen wie 'Tempelberg' zu erzwingen". Des Weiteren beklagten sie, dass "jüdische Extremisten nahezu täglich in die Al-Aksa-Moschee einbrechen", Muslime verletzten und Waqf-Mitarbeiter beleidigten.

Zu den Waqf-Typen kommen wir noch, keine Sorge.

Den jordanisch-palästinensischen Bericht anerkennend, erklärte das Unesco-Welterbekomitee einige Monate später, man bedauere, dass "die israelischen Extremistengruppen fortfahren, die Al-Aksa-Moschee/Al-Haram al-Sharif zu stürmen", und wies das Gebiet als "eine heilige muslimische Gebetsstätte" aus, und benannte die westliche Mauer in "Burak-Platz" um. Mit anderen Worten: Juden waren nie dort gewesen, nur Buraks. Und wo ist die "westliche Mauer" hin? Sie landete vielleicht in Mekka oder sonst irgendwo. Wie kam die Burak-Mauer hierher? Also, den palästinensischen Gelehrten zufolge, die die Unesco offensichtlich bewundert, war Folgendes geschehen: Als der Prophet Mohammed zu Gott in den Himmel aufsteigen wollte, befürchtete er, dass der himmlische Burak den irdischen Kamelen oder Maultieren nachstellen könnte, um hemmungslosen Sex mit ihnen zu haben. Um sicherzugehen, dass dies nicht geschieht, erschuf er eigens für Burak eine Mauer, und der Prophet band Burak an dieser Mauer fest, bevor er sich auf seine Reise gen Himmel machte.

Die stürmenden Juden der Unesco

Ein "westliche Mauer" war niemals da, und einen jüdischen Tempel hat es in der Nachbarschaft nie gegeben.

Und als wäre das nicht genug, traf sich im April dieses Jahres der Unesco-Exekutivrat und beschuldigte Israel, "gefälschte jüdische Gräber" auf dem Gelände auszuheben.

Tja.

Als ich ein Kind war, bezeichneten die "Araber" (damals nannten sie sich selbst noch nicht Palästinenser) die Mauer als "Klagemauer", weil die Juden dort weinten. Aber diese Zeiten sind wohl vorbei.

Die Zeit, die nicht vorbei ist, ist jetzt, und heute stehe ich am Eingang des heiligen Hügels, um mit eigenen Augen zu sehen, wie die Besatzungsmacht Israel mit den von Juden verletzten Muslimen umgeht.

Israel - Ein Besuch der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem ZEIT-ONLINE-Kolumnist Tuvia Tenenbom hat die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem besucht. Dabei sind diese Aufnahmen entstanden.

Es gibt mehrere Eingänge zu der heiligen Stätte, die ausschließlich für Muslime sind, die kommen und gehen können, wann und wie es ihnen beliebt, anders als an dem einen Eingang für Nichtmuslime, die den Ort nur zu ausgewiesenen Öffnungszeiten besuchen dürfen.

Die Besatzungsmacht, das finde ich schnell heraus, ist rassistisch. Die Nichtmuslime, die am Eingang warten, werden in Juden und Nichtjuden unterteilt, Nichtjuden können sofort eintreten, aber Juden müssen ein, zwei oder drei Stunden warten, und ihnen werden für die Dauer ihres Besuchs die Pässe abgenommen.

Da mein Haar blond ist und die Polizisten denken, dass ich nichtjüdisch bin, werde ich sofort eingelassen.

Großartig.

Ich gehe hinein und schaue mich nach einem Burak oder einem Schafbock um, aber nichts von beiden ist zu sehen. Stattdessen sehe ich Menschen, alle Muslime und einige Mitglieder der Waqf, die – um es nicht zu kompliziert zu machen –  muslimische Wächter des Heiligtums sind.

Ich suche nach den stürmenden Juden, doch sie sind nicht hier.

Gerade als ich überlege zu gehen, betreten etwa 25 Juden das Areal. Sie stürmen nicht. Im Gegenteil: Sie sind umgeben von israelischen Polizisten auf der einen und von Waqf-Wächtern auf der anderen Seite und können keinen Schritt ohne Erlaubnis setzen. Und dann, sobald ihnen erlaubt wird, das riesige Al-Aksa-Gelände zu betreten, schreit jeder Muslim, der etwas auf sich hält, "Allahu akbar!" – "Gott ist der Größte."


Wohlgemerkt ist es hier nur Muslimen gestattet, den Namen des Herrn auszusprechen. Würde ein Jude dabei erwischt, wie er das Wort "Gott" ausspräche oder auf dem Gelände betete, flögen Steine und Kugeln.

Während die Juden ihren Weg fortsetzen, ziehen immer mehr Muslime, auch Frauen und Kinder, mit ihnen mit. Was das soll? Die Muslime, egal welchen Alters oder Geschlechts, wollen sichergehen, dass kein Jude, Gott bewahre, hier zu Gott betet.

Absurd.

Plötzlich tritt die Katastrophe ein: Ein Jude wird erwischt, wie er im Gehen murmelt.

Kurz bevor Kämpfe losbrechen oder Kugeln losfliegen können, schnappen sich israelische Polizisten den Juden und werfen ihn umgehend vom Gelände.

Weg sind sie, die "stürmenden" Juden der Unesco.

Ich erinnere mich, dass, als ich ein Kind war, jeder hierhin kommen konnte, egal ob Muslim oder nicht. Und jeder Jude konnte hier beten, insofern er oder sie Zunge und Lippen besaß. Aber die Zeiten sind wohl vorbei.

Ein Waqf-Mann tritt an mich heran, weil ich den Juden und ihren Wächtern folge. "Zu wem gehören Sie?", fragt er. Nicht zu den Juden, sage ich. "Gehen Sie von den Juden weg", befiehlt er mir. Ich sei Journalist, protestiere ich, aber er bleibt unbeeindruckt. "Gehen Sie weg!", wiederholt er. Ich sei deutscher Journalist, sage ich und zwinkere ihm vielsagend zu. "Deutsch? Willkommen, Bruder!", sagt er.

Als ich gerade gehen möchte, schreit mich eine arabische Frau auf Arabisch an: "Hund, raus!" Ein Waqf-Mann geht zu ihr und erklärt ihr, dass ich Deutscher bin, kein Jude, und demnach auch kein Hund.

Glücklicherweise schickt mich niemand in die jüdischen Gräber.

Es ist traurig, mit anzusehen, wie die Unesco, eine Körperschaft der UN, dabei behilflich ist, Fakten zu verdrehen und schamlos blanken und puren Rassismus unterstützt.

Als ich schließlich den heiligen Berg verlasse, wird mir klar, dass es nur einen Weg gibt, um im Mittleren Osten Frieden im UN-Stil zu schaffen: Abraham muss doch seinen Sohn schlachten.

Was für eine Verschwendung von einem Schafbock.