Jo Cox steht lachend vor dem gemeinsamen Hausboot auf der Themse. Sie trägt Jeans, Sandalen und einen grob gestrickten Pullover und blinzelt in die Sonne. Kommentarlos postete Brendan Cox, ihr Ehemann, am Donnerstagabend dieses Foto bei Twitter. Kurz zuvor wurde er offenbar über den Tod seiner Frau informiert. Niedergeschossen auf offener Straße in ihrem Wahlkreis in der Nähe von Leeds. Nach dem Attentat auf die Labour-Abgeordnete steht nicht nur ihr Ehemann unter Schock. Wegbegleiter, Politiker und viele britische Bürger trauern um die 41-Jährige.

Helen Joanne Cox, die von allen nur "Jo" genannt wurde, war erst seit Mai 2015 Mitglied im britischen Unterhaus. Doch mit ihrer Leidenschaft und aufrechten Haltung hinterließ sie auch bei alteingesessenen Abgeordneten einen bleibenden Eindruck. In ersten britischen Reaktionen wird sie als neuer politischer Stern, als Hoffnungsträgerin und kraftvolle Aktivistin beschrieben. Sie kämpfte gegen den Brexit und für mehr Frauenrechte und warb für mehr humanitäres Engagement in Syrien. "Jo glaubte an eine bessere Welt und sie kämpfte dafür jeden Tag mit Energie und Lebensfreude", schrieb ihr Ehemann. "Hass hat keinen Glauben, keine Religion, er ist giftig", fügte er hinzu.

Aufgewachsen ist Jo Cox in Heckmondwike, einem kleinen Ort in der Grafschaft West Yorkshire. Ihre Kindheit beschrieb sie selbst als bodenständig. Ihre Mutter arbeitet als Sekretärin in der örtlichen Schule, ihr Vater in einer Fabrik für Zahnpasta und Haarspray in Leeds. "Ich wuchs nicht politisch auf", sagte sie. Zur Ferienzeit habe sie oft in der Fabrik ihres Vaters gearbeitet, während alle anderen frei hatten.

Als Erste in ihrer Familie absolvierte Cox ein Universitätsstudium. Sie studierte an der Eliteuniversität Cambridge Politikwissenschaften und arbeitete danach in der Entwicklungszusammenarbeit, bei der Hilfsorganisation Oxfam. Dort leitete sie mehrere Jahre die Politikabteilung. Viele Reisen führten sie nach Afrika. In ihren Projekten setzte sich Cox vor allem für eine Verbesserung der Situation von Frauen und Kindern ein. Als entwicklungspolitische Beraterin stand sie auch der Ehefrau von Ex-Premierminister Gordon Brown in ihrer Kampagne gegen die hohe Säuglingssterblichkeit in Afrika zur Seite. Ihr Ehemann Brendan Cox war entwicklungspolitischer Berater der Regierung Brown. Im Jahr 2008 engagierte sie sich zudem im Wahlkampfteam von US-Präsident Barack Obama. "Jo Cox war die lebendigste, sympathischste, dynamischste und engagierteste Freundin, die man überhaupt haben kann", erklärte Ex-Premierminister Brown erschüttert nach dem Attentat.

In ihren Reden im Parlament warb Cox für Toleranz und engagierte sich für syrische Flüchtlinge, vor allem für Kinder. "Unsere Gemeinden haben sich durch die Einwanderung verbessert, sei es durch irische Katholiken oder Moslems aus Gujarat in Indien oder aus Pakistan", sagte sie. Sie hatte das Selbstbewusstsein, sich auch mit der Parteielite anzulegen. So warb sie für eine Urwahl des wenig bekannten Linken Jeremy Corbyn zum neuen Labour-Chef. Später kritisierte sie allerdings Corbyn in einem Artikel scharf – wohl vor allem, weil er sich aus ihrer Sicht nicht engagiert genug gegen einen möglichen Brexit einsetzte.

Am kommenden Mittwoch wäre Joe Cox 42 Jahre alt geworden. Das Ehepaar hat zwei Kinder. Um seine Frau besser zu unterstützen, hatte Brendan Cox vor Kurzem seine Stelle bei der Nichtregierungsorganisation Save the Children aufgegeben.