Vermutlich wird man nie herausfinden oder verstehen können, warum junge Männer mit nur 17, 18, 27 oder 31 Jahren schon mit ihrem Leben abgeschlossen haben und warum sie andere Menschen mit sich in den Tod reißen wollten. Doch mit jedem Fetzen, der über die Täter an die Öffentlichkeit dringt, beginnen wilde Spekulationen. Bedenklich war in diesen Tagen vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Nationalitäten der Täter ans Licht kamen und mit welcher Selbstverständlichkeit diese mit dem Ereignis verbunden wurden.

Kurz nach den Attentaten erfuhr die Öffentlichkeit, der Täter in Nizza sei "Franko-Tunesier" gewesen, die Männer in Würzburg, Reutlingen und Ansbach Flüchtlinge aus Syrien beziehungsweise Afghanistan und der Amokläufer in München "Deutsch-Iraner". Dabei wusste man zu diesem Zeitpunkt wenig über sie. Ein "begründbarer Sachbezug", der laut Deutschem Presserat jeder Herkunftsnennung zugrunde liegen soll, dürfte in keinem dieser Fälle vorliegen.

Wer die Nationalität trotz ansonsten dünner Informationslage nennt, gibt jenen Leuten Brennholz, die Einwanderung schon immer skeptisch gegenüber standen. In München marschierten bereits am Tag nach dem Amoklauf Neonazis durch die Innenstadt und verschiedene Politiker sprachen von einer "tödlichen Willkommenskultur" und "Islamterror".

Die Nationalität zu nennen lädt zu Spekulation ein

So wird die Nationalität der Täter vom unschuldigen Fakt zum Stigma einer ganzen Gruppe. Nun kann man sagen: Rechtsextreme wollen eben nicht differenzieren. Aber es müssen sich auch die Medien vorwerfen lassen, die Prioritäten nicht richtig zu setzen. Schließlich gaben sie die Nationalität der Eltern des Täters von München weiter, ohne einen begründbaren Kontext herzustellen. 

Manche spekulierten wegen der Herkunft des Münchener Täters beispielsweise sogar über einen Bezug zum IS. Das war denkbar abstrus. Selbst wenn sich der in Deutschland geborene Junge mit dem Iran identifiziert hätte, bliebe die überwältigende Mehrheit der Iraner schiitisch. Und Schiiten gelten in der IS-Ideologie nicht nur als Ungläubige, sondern als noch größere Feinde als die Menschen im Westen. Aus der Nationalität lassen sich zudem weder eine individuelle Motivation noch Probleme mit der Immigration ableiten. Wir wissen nicht, ob und welche Integrationsschwierigkeiten der junge Mann hatte. Wir wissen umgekehrt auch nicht, ob er selbst schon Opfer von rassistischem oder islamistischem Hass geworden ist. Der Täter soll jedenfalls vom Dach des Tatorts "Ich bin Deutscher!" gerufen haben. Selbst kurz vor seinem Tod schien es ihm wichtig, kein Ausländer zu sein. Zudem soll er von Hitler fasziniert gewesen sein und sich selbst als Arier empfunden haben.

Aussagekräftiger als die Nationalität wäre, dass er unter psychischen Problemen litt. Studien deuten darauf hin, dass Amokläufer häufig unter Persönlichkeitsstörungen leiden. Aber selbst hier können wir nicht eindeutig benennen, wie relevant seine spezifischen Probleme für den Amoklauf waren.

Jeder Gewaltausbruch ist auch ein Produkt der eigenen Gesellschaft

Ein wenig beachteter Randaspekt ist auch, wen die Solidarität in der Amoknacht erreichte. Es fanden vor allem Menschen mit stabilen sozialen Netzwerken offene Türen. Reisende, Obdachlose und Flüchtlinge dagegen strandeten am Hauptbahnhof und wurden nicht in privaten Wohnungen aufgenommen. Der Faktor "Ausländer" wird also immer dann verwendet, wenn er am besten in das Freund-Feind-Narrativ passt.

Eigene, selbst gemachte Probleme werden inzwischen gerne anderen Gesellschaften zugeschoben. Wenn der Täter ein Flüchtling, ein Franko-Tunesier oder ein Deutsch-Iraner war, dann wird mehr über Terror und weniger über die französische oder deutsche Gesellschaft gesprochen. Die drängendsten Fragen lauten dann: Hat der Anschlag mit dem IS zu tun? War er anderweitig islamistisch motiviert? Müssen wir jetzt Angst vor einer neuen Bedrohung von außen haben? Vor neuen Terror-Strategien? Etwa in dieser Reihenfolge präsentieren Ermittler und Medien auch den Stand der Dinge.

Der Blick auf die eigene Gesellschaft könnte helfen

Dabei ist jeder Gewaltausbruch auch ein Produkt der eigenen Gesellschaft. Ebenso wie die Nationalität oder die Bezüge zum IS könnte man hervorheben, dass der Täter ein Mann war und entsprechende politische Konsequenzen fordern. Einer Studie der University of Washington zufolge sind Massenmörder zu über 90 Prozent relativ junge Männer. Alle Kinder können in der Schule ausgegrenzt werden, doch es scheinen sich insbesondere Jungs schneller gedemütigt zu fühlen und sich Ventile für ihre Wut zu suchen. Das ist wenig verwunderlich in einer Gesellschaft, in der Männer früh lernen, die Fehler zuerst bei anderen zu suchen und sich ständig als überlegen inszenieren zu müssen, egal wie kaputt sie innerlich sind. Walter Hollstein, emeritierter Professor für politische Soziologie in Berlin, spricht in dem Zusammenhang von einer "Jungenkrise".

Ebenso könnte man fragen, ob wirklich alles getan wird, um den Immigranten und ihren Nachfahren in Deutschland ein lebenswertes Zuhause zu bieten. Alle Kinder bemühen sich, zur Mehrheit zu gehören. Das ist aber nicht so einfach, wenn Schulbücher, Medien und unüberlegte Sprüche von Lehrern und Mitschülern immer wieder suggerieren, dass einige Kinder doch nicht dazugehören. Nicht alle können gut damit umgehen. In Extremfällen könnte der Frust in Gewalt umschlagen.

Das ist keine Entschuldigung oder Rechtfertigung, aber ein Blick auf die eigene Gesellschaft und ihre Probleme könnte ein Ansatz sein, der greifbarer ist als die Bekämpfung von Terror oder asymmetrischer Kriegsführung. Psychische Probleme und verzerrte Wahrnehmungen mögen vielen Täter gemeinsam sein. Wie die einzelnen Täter ihre Probleme verarbeiten, entnehmen sie aber der Gesellschaft. Und das Gefühl, minderwertig zu sein, die Resignation, niemals dazugehören zu können, das Bedürfnis, gerade als Mann mehr Stärke zeigen zu müssen, als man hat – all das gibt es in Einzugsgebieten des IS ebenso wie in der Mitte Deutschlands.

Aktualisierung: In einer früheren Textfassung wurde der Würzburger Angreifer in einer Reihe mit syrischen Flüchtlingen genannt. Richtig ist, dass der Bayerische Innenminister ihn als afghanischen Flüchtling bezeichnete. Nach aktuellem Stand bestehen auch an dieser Vermutung Zweifel.