Am Wochenende entlud sich der Hass in Baton Rouge erneut. Gavin L., ein ehemaliger Marinesoldat, tötete mit einer halbautomatischen Waffe drei Polizisten und verletzte drei weitere – nur wenige Tage, nachdem in Dallas fünf Polizisten bei Demonstrationen ums Leben gekommen waren. In einem Video, das er zuvor aufgezeichnet hatte, rief L. dazu auf, "zurückzuschlagen" und mit einem "Blutbad" auf die Behandlung der afroamerikanischen Bevölkerung durch die Polizei zu reagieren. Der Täter habe ganz bewusst Jagd auf Polizisten gemacht, hieß es in einer Stellungnahme des Polizeichefs am Montag.

Die vergangenen Wochen haben das Verhältnis zwischen der Polizei und der schwarzen Bevölkerung in den USA auf die Probe gestellt. Nach dem Tod von Alton Sterling in Louisiana und Philando Castile in Minnesota gingen die Menschen im Land erneut auf die Straße. "No justice, no peace, no racist police" lautete einer der Schlachtrufe der Black-Lives-Matter-Bewegung, die man während der Demonstrationen immer wieder hörte. Erst wenn es Gerechtigkeit gibt und der Rassismus in der Polizei verschwindet, so die Forderung, werden wir Frieden finden. Ein Gefühl, das nicht erst ein paar Wochen alt ist. Fast jeder Schwarze im Land hat eigene Geschichten zu erzählen von Momenten, in denen er von der Polizei ohne Grund angehalten wurde und davon, wie schnell so ein Moment eskaliert.

"Vorfälle wie die, von denen wir jetzt hören, gibt es, seit es die Polizei selbst gibt, nur bekommen sie jetzt erst die nationale Aufmerksamkeit", sagt Karen Dolan vom liberalen Institute for Policy Studies in Washington. Die Polizei blicke auf "Generationen mit Diskriminierung" zurück. Die heutigen Behörden haben laut Dolan ihre Wurzeln in den berüchtigten Slave Patrols des amerikanischen Südens, deren Aufgabe es war, Sklaven an Flucht und Aufstand zu hindern. Das Bild der Schwarzen als Hauptquelle für Unruhe, Diebstähle und Vandalismus sei in der Idee von Recht und Ordnung entsprechend tief verankert.

"Über Jahrzehnte institutionalisiert"

Wie tief der Rassismus bis heute sitzt, zeigen Berichte wie die von Eric Adams. Der Afroamerikaner war 22 Jahre lang selbst bei der New Yorker Polizei und ist heute Stadtbezirkspräsident in Brooklyn. In der New York Times schilderte er vor zwei Jahren, nach dem Tod von Michael Brown in Ferguson, wie er selbst als 15-Jähriger festgenommen und auf der Wache misshandelt worden sei. Tagelang habe er Blut im Urin gehabt, weil ihn die Beamten in den Magen getreten hätten. Später wurde Adams selbst Polizist – und erlebte den systemischen Rassismus von der anderen Seite. "Die ungleiche Behandlung ist über Jahrzehnte institutionalisiert worden", sagt er heute.

Die Streifenpolizisten begännen ihre Schichten in bestimmten Bezirken von vornherein in der Defensive, sagt Adams. Es gehe darum, sich selbst zu schützen, nicht darum, der Gemeinde zu dienen. Komme es hart auf hart, gelte im Zweifel immer: Stelle dich lieber zwölf Geschworenen, als von sechs Sargträgern abtransportiert zu werden. Treffe er auf einen Weißen mit einer Waffe, habe ein älterer Kollege ihm einmal gesagt, dann passe er auf sich und ihn auf. Treffe er auf einen Schwarzen, dann gehe es nur darum, sich selbst zu schützen.

Heute dringt Adams als Bezirkspräsident auf dringend benötigte Veränderungen. Er fordert nicht nur Kameras am Körper der Polizisten, sondern auch an den Waffen selbst. Außerdem mahnt er eine Reform des Grand-Jury-Systems an: Bei diesem entscheidet eine Gruppe ausgewählter Bürger hinter verschlossenen Türen, ob es im Einzelfall überhaupt zu einer Anklage gegen einen Polizisten kommen soll. Adams hält das für falsch. "Wir brauchen öffentliche Anhörungen", sagt er.

Training nach Budget

Zudem müsse es unabhängige Organe geben, die Beweise sammeln, und es müssten Polizeiberichte erstellt werden für wirklich jede Auseinandersetzung, in der eine Waffe gezogen werde. Trotzdem bleibt Adams skeptisch: "Von dem Training, das die Beamten bekommen, wird auf den Straßen der schwarzen Bezirke am Ende nichts angewandt", sagt er. Sechs Monate in der Polizeiakademie würden von den älteren Kollegen auf der Straße innerhalb von sechs Tagen ausgelöscht.

Tiefgreifende Veränderungen sind schwierig, zu fragmentiert ist das System in den USA. Viele Behörden sind dramatisch unterfinanziert, die Bezahlung der Polizisten ist mies. Trainingseinheiten werden gekürzt und Schichten nur notdürftig besetzt. Ob ein Streifenpolizist eine Kamera tragen oder ein Deeskalationstraining absolvieren muss, entscheidet jede Behörde eigenständig – und mit Blick auf das Budget. Die Polizisten selbst kämpfen gegen Misstrauen in der Bevölkerung, gleichzeitig wehren sich die Verantwortlichen oft gegen Veränderungen und Überwachung von außen, die das Vertrauen wiederherstellen sollen.