Bundespräsident Joachim Gauck hat sich dagegen ausgesprochen, den Bürgern politische Fragen auf Bundesebene zur Abstimmung in Referenden vorzulegen. "Als ich vor vielen Jahren in die Politik kam, war ich ein Anhänger von Volksentscheiden", sagte Gauck der Bild-Zeitung. "Inzwischen habe ich einige Erfahrungen damit gesammelt und sehe es differenzierter."

Es gebe eine ganze Reihe von Themen wie etwa Sicherheit, Steuern und Währungspolitik, "bei denen einfache Antworten wie Ja oder Nein nicht ausreichen", sagte er. "Oft müssen schwierige Kompromisse gefunden werden, die mit Volksentscheiden nicht möglich sind."

Auf kommunaler und Landesebene würden Volksentscheide häufig genutzt, fügte der Bundespräsident an. "Auf Bundesebene allerdings ist unsere repräsentative Demokratie die beste Antwort auf die komplizierten Probleme unserer Zeit."

In dem Interview äußerte sich Gauck auch zu den Konsequenzen aus dem Brexit-Referendum der Briten. Eine harte Haltung gegenüber Großbritannien bei den bevorstehenden Verhandlungen über den Austritt halte er nicht für den geeigneten Weg. "Man ist in der Politik immer gut beraten, erst dreimal tief durchzuatmen und dann das Gespräch mit den anderen zu suchen", sagte er. "Die Briten jetzt demonstrativ und besonders hart die Folgen ihrer Entscheidung spüren zu lassen, wäre mit Blick auf künftige Generationen kein guter Weg."

Die anderen 27 EU-Länder sollten "jetzt nicht so handeln, als wären wir die Schwächeren, Gedemütigten", mahnte der Bundespräsident. "Die Pose des Gekränkten bringt uns hier nicht weiter." Er sehe derzeit aber keine großen Gefahren für Europa nach dem Brexit-Referendum. "Ich bin optimistisch, dass wir auch diese Krise meistern werden."

Allerdings riet der Bundespräsident, bei der Vertiefung der Zusammenarbeit innerhalb Europas zunächst einmal innezuhalten: "Wir Europäer müssen uns jetzt den Arbeitskittel überziehen, einen Moment innehalten und – bevor wir die Dinge ganz schnell weiter vorantreiben – ganz genau prüfen: Wo stehen wir? Was ist uns bisher gut gelungen und wo sollten wir noch nacharbeiten?" Er halte es für "ganz klar, dass Europa auf Dauer nur dann ein Erfolgsprojekt bleibt, wenn es die meisten Menschen mitnimmt, am besten, wenn es sie mitnimmt und begeistert".

Gauck mahnt stärkere Zusammenarbeit gegen den Terror an

Auch im Kampf gegen den Terrorismus müsse Europa jetzt zusammenhalten, mahnte der Bundespräsident. "Gerade jetzt dürfen wir uns nicht auseinanderdividieren lassen." Er fügte hinzu: "Dem Terror können wir nur die Stirn bieten, wenn wir unseren Zusammenhalt stärken und eng und stärker zusammenarbeiten, zum Beispiel unsere Sicherheitsbehörden."

Die Ursachen für den Terrorismus seien äußerst vielschichtig, sagte er. "Wir müssen besser verstehen, woher die Krisen im Nahen und Mittleren Osten kommen, aber vor allem, warum einige junge Menschen in unseren europäischen Gesellschaften so empfänglich sind für radikale islamistische Ideen und sich für menschenverachtende Untaten instrumentalisieren lassen."

Aber der Terror dürfe nicht dazu führen, dass wir unsere Lebensweise ändern, sagte Gauck. "Unsere Werte wie Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und unseren liberalen Lebensstil werden wir natürlich nicht ändern."