Vor seinem Abflug zum Nato-Gipfel in Warschau hatte Barack Obama noch etwas zum Thema Afghanistan mitzuteilen. "Die Sicherheitslage im Land bleibt prekär, die Taliban bleiben bedrohlich", sagte der US-Präsident. Aus diesem Grund würden die USA bis Ende 2017 mehr Soldaten im Land lassen als geplant. 

Es ist kein Zufall, dass der mächtigste Mann der Welt seinen Fokus auf Afghanistan richtet – eine Region, die angesichts der aktuellen Konflikte in der Weltpolitik aus dem Blickfeld zu geraten droht, insbesondere in der Perspektive der europäischen Nato-Staaten. Syrien und der IS-Terror, die Flüchtlingskrise, die Auswirkungen des Brexit-Referendums und die schwelende Ukraine-Krise stehen viel weiter oben auf der Agenda.

Mit all diesen Themen wird sich der Nato-Gipfel der 28 Staats- und Regierungschefs der westlichen Militärallianz in der polnischen Hauptstadt am Freitag und Samstag befassen. Hinzu kommt die ewige Frage der Erweiterung: Montenegro wird zur Mitgliedschaft eingeladen. Georgien, die Ukraine und andere könnten sich dadurch ermutigt fühlen, wieder stärker eine Mitgliedschaft anzustreben. Russland warnt deswegen bereits vor neuen Provokationen.

Überhaupt Russland: Aus der Sicht vieler Europäer geht es bei dem Warschauer Gipfel zuallererst und fast ausschließlich um den großen Nachbarn im Osten. "Kalter Krieg reloaded", lautet die Devise, die sich seit Monaten durch die Kommentare von Politikern und Experten diesseits des Atlantiks zieht. Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte zu Wochenbeginn stolz, die Allianz habe nach dem Gipfel in Wales vor zwei Jahren "die größte Stärkung ihrer kollektiven Sicherheit seit dem Kalten Krieg" vollzogen.

Neue, alte Blöcke

Vor 25 Jahren löste sich der Warschauer Pakt offiziell auf. Die militärischen Kräfte haben sich verschoben – noch immer aber stehen sich zwei hochgerüstete Armeen gegenüber.

Militärische Stärke*:

gering

mittel

hoch

sehr hoch

* Für die Eingruppierung militärischer Stärke werden drei Kriterien berücksichtigt: 100.000 Soldaten oder mehr, 1.000 Panzer oder mehr sowie 100 Kampfflugzeuge oder mehr. Länder, deren militärische Stärke als sehr hoch ausgewiesen wird, erfüllen alle drei Kriterien; werden eines oder mehrere Kriterien nicht erfüllt, verringert sich die angegebene militärische Stärke entsprechend. Klicken oder tippen Sie auf einzelne Länder, um detaillierte Truppen- und Waffenzahlen zu sehen.

Am ausgeprägtesten ist die Fokussierung auf Russland bei den polnischen Gastgebern und in den baltischen Staaten, die sich spätestens seit der russischen Annexion der Krim 2014 vom großen Nachbarn im Osten akut bedroht fühlen. "Der Teil Europas, in dem wir leben, ist wirklich und wahrhaftig in Gefahr. Der Aggressor ist Russland", sagt der polnische Verteidigungsminister Antoni Macierewicz. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe man es in Polen nicht mehr mit einer solchen Situation zu tun gehabt. "Russland fühlt sich dazu berufen, Grenzen überall dort zu verändern, wo eine russische Minderheit lebt."

Mehr Soldaten für die baltischen Staaten

Die Nato wird auf diese Situation bei ihrem Gipfel mit einer Stärkung ihrer Ostflanke reagieren. Vier Bataillone mit insgesamt 4.000 Soldaten sollen künftig in Polen und in den baltischen Staaten stationiert werden. Der russische Präsident Wladimir Putin konterte mit der Drohung, 10.000 Soldaten in den Westen Russlands zu verlegen. Zudem brachte er erneut die Stationierung von nuklearfähigen Iskander-Kurzstreckenraketen im Gebiet Kaliningrad ins Gespräch. Auch ein Ende des INF-Abrüstungsvertrags von 1987 scheint denkbar.

Ungeachtet all dessen geben die Nato-Partner höchst unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie real die angebliche Bedrohung durch Russland ist – und wie man darauf strategisch am besten reagieren sollte. Für Polen ist der erwartete Beschluss zur Stärkung der Ostflanke zwar ein wichtiges Signal, aber kaum mehr als ein symbolisches Bekenntnis zur Bündnissolidarität. "Diese Kräfte reichen aus, um Russland abzuschrecken und einen eventuellen Angriff abzuwehren, bis Hilfe kommt, und das war das wichtigste Ziel. Aber es handelt sich nur um ein Minimalpotenzial", sagt Verteidigungsminister Macierewicz. Um der gefühlten Bedrohung zu begegnen, veranstaltet Polen zudem seit Anfang Juni das Großmanöver Anakonda 16, an dem rund 30.000 Soldaten aus 22 Nato-Staaten teilnehmen. Fiktives Ziel ist die Abwehr eines Angriffes gegen die Ostflanke, sprich: einer russischen Aggression.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte in diesem Kontext kürzlich davor, "die Lage durch Säbelrasseln und Kriegsgeheul weiter anzuheizen". Und sein Parteifreund, der Russlandbeauftragte Gernot Erler, sprach sogar von einer möglichen Eskalation "bis hin zum Krieg". Die rhetorischen Unterschiede zwischen Deutschen und Polen könnten kaum größer sein.