Forscher, Wissenschaftler und Politiker kritisieren den Umgang der türkischen Regierung mit Hochschulangehörigen. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) protestierte "auf das Schärfste" gegen das verhängte Ausreiseverbot. "Die deutschen Hochschulen sehen die aktuellen Entwicklungen an den türkischen Hochschulen mit Entsetzen", sagte HRK-Präsident Horst Hippler. "Die tiefen, offenbar skrupellosen Einschnitte in die akademischen Freiheiten durch die türkische Regierung machen uns alle fassungslos."

Türkische Medien hatten über weitreichende Eingriffe des türkischen Hochschulrats berichtet – sie sind Teil der Maßnahmen, mit denen die Regierung nach dem gescheiterten Putsch vom Wochenende gegen Tausende Beamte, Richter und abtrünnige Militärs vorgeht. "Die Nachrichten deuten darauf hin, dass es um systematische Einschüchterung und um die Vernichtung des freien Geistes geht: Entlassung von mehr als 1.500 Dekanen, Suspendierungen, Ausreiseverbot für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Rückruf von im Ausland Tätigen, Generalverdacht gegen Hochschulangehörige, Verhaftungen", beklagte Hippler.

Traditionell verbänden die Türkei und Deutschland gute Wissenschaftsbeziehungen. Während der nationalsozialistischen Diktatur hätten zahlreiche deutsche Wissenschaftler Zuflucht in der Türkei gefunden. HRK-Präsident Hippler hatte der türkischen Regierung bereits im Januar Repressionen gegen Wissenschaftler vorgeworfen. Gemeinsam mit internationalen Partnern unterzeichnete er einen offenen Brief an den türkischen Staatspräsidenten, in dem der Schutz der akademischen Freiheiten eingefordert wurde.

Die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Margret Wintermantel, sagte ZEIT ONLINE, die Situation in der Türkei sei "nicht hinnehmbar". "Wissenschaftliche Freiheit und offener, auch kritischer Diskurs sind Grundvoraussetzungen für eine funktionierende Demokratie und wissenschaftlichen Fortschritt. Universitäten leben von Meinungsfreiheit und internationalem Austausch", sagte Wintermantel. Der DAAD werde sich dafür einsetzen, "dass die akademische Freiheit in der Türkei und an den türkischen Hochschulen in vollem Umfang wiederhergestellt wird".

Auch die Humboldt-Stiftung, zu deren Netzwerk mehr als 320 türkische Wissenschaftler gehören, kritisierte den Umgang der Türkei mit Forschern. Die wissenschaftliche Freiheit und das geistige und gesellschaftliche Potenzial von Forscherinnen und Forschern seien wichtig für einen konstruktiven gesellschaftlichen Dialog und die Zukunftsfähigkeit einer Nation. "Einschränkungen der Mobilität, Entlassungen und Drangsalierungen von Wissenschaftlern beschädigen dieses Potenzial schwer und sind einer Demokratie nicht würdig", sagte Stiftungsgeneralsekretär Enno Aufderheide.

Nach Angaben der Stiftung halten sich derzeit etwa 20 türkische Wissenschaftler als Humboldt-Stipendiaten in Deutschland auf. Sollte ihre kurzfristige Rückkehr notwendig sein, werde die Humboldt-Stiftung die Möglichkeit einräumen, Stipendien zu unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen, sagte Aufderheide.

Auch Bundesregierung äußert sich besorgt

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte, "diese Maßnahmen geben uns Anlass zu größter Sorge". Auch die Vereinigung Europäischer Universitäten beklagte, die Entwicklung in der Türkei nehme nach dem abgewendeten Militärputsch nun die falsche Richtung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, sie sei wegen der Entwicklung in der Türkei in großer Sorge. Es gebe sehr deutliche Kritik an dem, was derzeit in dem Land stattfinde. Es gehe auch um die Rechte gerade der Menschen, die sich in der Nacht des Putsches gegen den Umsturzversuch gewandt hätten. Man werde mit großer Sorge die weitere Entwicklung beobachten, sagte Merkel.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich ebenfalls besorgt und forderte die türkische Regierung dazu auf, Rechtsstaatlichkeit einzuhalten.

Die türkische Regierung will zudem 21.000 Lehrern an Privatschulen die Genehmigung entziehen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Ihnen werde vorgeworfen, Beziehungen zu dem in den USA lebenden Geistlichen Fethullah Gülen zu haben, den die Türkei als Planer des Putschversuchs ansieht. Die Regierung von Präsident Erdoğan hatte in den vergangenen Tagen bereits Zehntausende Beamte entlassen, darunter 15.200 Lehrer von staatlichen Einrichtungen. Sie forderte zudem den Rücktritt von fast 1.600 Universitätsdekanen.

Außerdem kündigte das Bildungsministerium die Schließung von mehr als 600 Privatschulen und anderen Bildungseinrichtungen an. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, wurde dies damit begründet, dass gegen die Schulen wegen "Verbrechen gegen die verfassungsmäßige Ordnung" ermittelt werde.