Der Spitzenkandidat steht auf nacktem Betonboden in einer halbfertigen Veranstaltungshalle, das Schild "Seeperle" hängt an einer unverputzten Mauer neben ihm, aber Leif-Erik Holm ist sich sicher, dass an diesem Abend im August auf dieser Baustelle und eigentlich im ganzen Land etwas Großes beginnt. "Wir haben das Gefühl", sagt er, "wir könnten hier tatsächlich Geschichte schreiben am 4. September." Erstmals habe die AfD die Chance, stärkste Partei bei einer Landtagswahl zu werden. Auf den Alustühlen im Saal wippen einige Zuhörer zustimmend mit den Köpfen.

Die AfD hat ihre zwei Spitzenkandidaten nach Gützkow entsandt, einen Ort mit rund 3.000 Einwohnern im Nordosten des Landes, auf halber Strecke zwischen Greifswald und Anklam. Entlang der rot gepflasterten Gehwege reihen sich ein Wirtshaus, eine Feuerwache, ein Sonnenstudio, eine Zahnarztpraxis, ein Fleischer und seit ein paar Tagen immer mehr Wahlplakate.

Die AfD wurde bisher vor Wahlen fast immer unterschätzt. In Mecklenburg-Vorpommern lag sie in Umfragen zuletzt bei 19 Prozent, SPD und CDU kamen auf 22 und 25 Prozent. Sollte die AfD die Konkurrenz tatsächlich noch überholen bis zur Landtagswahl, wäre das für die junge Partei ein unerhörter Erfolg – jedenfalls von Berlin, Hannover oder Köln aus gesehen.

In Mecklenburg-Vorpommern scheint die Partei ihren Erfolg gar nicht mehr so überraschend zu finden. Das zeigen nicht nur die selbstbewussten Worte des Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm. Wer im beginnenden Wahlkampf die ersten Termine der AfD besucht, einmal im Nordosten des Landes und einmal im Süden, erlebt eine fast gelassene Stimmung. Politiker und Anhänger sind sich ihres nahenden Rekordergebnisses längst sicher.

Ein Freitagabend in Waren an der Müritz, südliches Mecklenburg. Der Falkenhäger Weg führt nach Norden hinaus aus der Kleinstadt, weg von der Müritz am Ufer des Tiefwarensees entlang. Links und rechts parken Familienkombis in den gepflasterten Auffahrten der Einfamilienhäuser, viele der Häuser bieten einen Blick auf das Wasser. Am Ende des Ortes, kurz bevor der Wald beginnt, warten die Menschen im gutbürgerlichen Gasthof "Paulshöhe" auf Alexander Gauland, die weltpolitische Autorität der AfD.

AfD - Gespräch medienwirksam abgebrochen Das Treffen zwischen der AfD-Spitze und Vertretern des Zentralrats Deutscher Muslime endet im Eklat. Andere Muslime in Berlin sehen den Konflikt entspannt.

Eingeschliffene Formeln

In der letzten Reihe des Gastraums hat es sich Olaf gemütlich gemacht, in seinem gepolsterten Stuhl und in seinem Ärger. Er und ein Bekannter sitzen nebeneinander, die Arme verschränkt, und stimmen sich auf den Abend ein. Ihre vollen Namen wollen sie nicht sagen. Sie schimpfen über das ZDF, das sie beim Hineingehen gefilmt hat und nun Kameras im Saal aufbaut. "Die sollen ruhig wissen, wer ihr Feind ist", sagt Olafs Kumpel, und Olaf sagt: "Richtig, so ist das nämlich, und wir bezahlen die auch noch." Wenn die AfD noch erfolgreicher wird, da sind sie sich sicher, wird die Partei bestimmt auch verboten. "Wie bei der NPD", sagt Olaf.

Noch bevor Gauland erscheint, haben die zwei Männer um die Fünfzig ein zehnminütiges Best-Of all dessen dargeboten, was sich die AfD über sich selbst erzählt und über die feindliche, verkommene Welt. Ganz leicht fließen die Tiraden aus den beiden heraus, eingeschliffene Formeln über die Zwangsgebühr-Lügenpresse-Islam-Terrorismus-Politikerkaste. Es sind alles Dinge, die sich hier längst von selbst verstehen. Und dann sagt Olaf, wo bleibt denn die Kellnerin, die kommt ja jetzt gar nicht mehr durch zu uns.

Die AfD ist mehr als drei Jahre alt und dies ist ihre neunte Landtagswahl. Sie schimpft noch immer auf die etablierten Parteien, aber sie und ihre Anhänger haben selbst längst ihre eigene Sprache etabliert, ihre Formen und ihre Themen.