Ein Jahr nach dem vorläufigen Höhepunkt der Flüchtlingskrise leben in Deutschland noch immer mindestens 359.750 Menschen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Fast 54.000 von ihnen wohnen in Erstaufnahmeeinrichtungen. Das ergab eine Umfrage von ZEIT ONLINE bei allen zuständigen Landesministerien. Bei diesen Unterkünften handelt es sich vor allem um Industrie- und Leichtbauhallen, ungenutzte Baumärkte und Autohäuser, Containerdörfer, Modulbauten, Kasernen und Bürogebäude, Schulen und angemietete Hotels.

Die Erstaufnahmeeinrichtungen werden von den einzelnen Bundesländern betrieben. Dort werden die Flüchtlinge registriert und anschließend weiter auf die Kommunen verteilt. Eigentlich sieht das Gesetz vor, dass Flüchtlinge höchstens drei Monate lang in einer Erstaufnahme untergebracht werden sollen. Die meisten leben dort aber wesentlich länger. Wie genau die Menschen später in den Kommunen untergebracht werden, wissen viele Länder selbst nicht. Oft müssen noch immer Turnhallen, Baumärkte oder Wohncontainern als Unterkünfte herhalten. Vermutlich konnten deshalb noch wesentlich mehr Menschen als von den Ministerien angegeben bislang nicht in richtige Wohnungen umziehen.

Hinzu kommt, dass jedes Bundesland anders definiert, was eine Notunterkunft ist. Für die einen Länder ist eine Leichtbauhalle eine Notunterkunft, für andere sind es nur Zelte ohne feste Wände. Ausgebaute Hallen werden dort als reguläre Gemeinschaftsunterkunft geführt. Für alle Not- und Gemeinschaftsunterkünfte gilt aber, dass die Menschen sich die sanitären Einrichtungen und Kochbereiche teilen müssen.

Berlin - Flüchtlinge auf Wohnungssuche Die Flüchtlinge drängen aus Notunterkünften und Wohnheimen zunehmend auf den Wohnungsmarkt. In Berlin werden sie damit zur Konkurrenz für andere Wohnungssuchende. Und zu Opfern von Abzockern.

Heime im Stand-by-Modus

Seit die Balkanroute im März abgeriegelt wurde, kommen immer weniger Flüchtlinge nach Deutschland. Die Bundespolizei registrierte im August nur 4.204 Menschen. Das spüren auch die Länder. Deshalb beginnen sie, Einrichtungen zu schließen, und prüfen die Verträge mit Betreibern darauf, ob man sie früher kündigen kann. "Notunterkünfte brauchen wir nicht, aber wir schaffen natürlich neuen Wohnraum", sagt beispielsweise Bernd Schneider vom Sozialministerium Bremen. In der Hansestadt sollen noch in diesem Jahr 1.300 neue Übergangswohnungen entstehen, bis August 2017 sollen noch einmal 2.000 dazukommen. 

Denn auch wenn weniger Menschen nach Deutschland flüchten: Die Länder sind gesetzlich dazu verpflichtet, auf einen neuen Anstieg der Flüchtlingszahlen jederzeit reagieren zu können. Deswegen werden bundesweit fast 100 Unterkünfte in einem Stand-by-Modus gehalten, sind also jederzeit einsatzfähig. Die Größe solcher Unterkünfte variiert von Standort zu Standort. Allein in Berlin können 2.200 Plätze bei Bedarf sofort bezogen werden. In Nordrhein-Westfalen sind es sogar 10.000 Stellen. "Zudem haben wir freie Grundstücke, um bei Bedarf Wohncontainer aufstellen zu können, für zusätzliche Menschen" sagt Oliver Moritz, Pressesprecher des Innenministeriums in Düsseldorf. Man hoffe nicht, dass ein weiterer Höhepunkt in der Flüchtlingskrise kommt, aber man werde vorbereitet sein.