Die Unionsinnenminister wollen mindestens 15.000 zusätzliche Polizisten einstellen. In den kommenden vier Jahren sollen die Beamten beim Bund und in den Ländern bereits ihren Dienst antreten. Die Gewerkschaft der Polizei geht sogar noch weiter. 20.000 neue Stellen seien nötig angesichts der gestiegenen Belastung durch Flüchtlinge, Cyberkriminalität und Terrorgefahr.

Aber woher sollen die ganzen neuen Polizisten eigentlich kommen?

Polizei ist Ländersache. Jedes Bundesland entscheidet selbst, ob es Stellen im Polizeidienst schafft oder nicht. Dort beginnt schon der politische Streit. Nur in acht Bundesländern sind CDU und CSU in der Landesregierung vertreten. Aber nicht alle sozialdemokratisch, links oder grün geführten Landesregierungen unterstützen die Forderung der Unionsinnenminister. Zwar planen auch die Länder ohne CDU-Regierungsbeteiligung, mehr Polizisten auszubilden. Aber sie wollen bei Weitem nicht so viele neue Stellen, wie die Unionsminister fordern.

So will Nordrhein-Westfalen ab kommendem Jahr 2.000 Polizisten ausbilden. Seit 2014 hat man die Ausbildungsplätze damit bereits um 500 erhöht. Brandenburg hat seine Ausbildungskapazitäten um 50 neue Plätze auf insgesamt 350 aufgestockt. Bremen würde im nächsten Jahr gern 87 zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen.

Das zeigt, dass der Trend sich bereits gewandelt hat – in der Vergangenheit hatten vor allem die ostdeutschen Länder Polizeistellen abgebaut. Bis zur Wunschzahl 15.000 ist es aber noch sehr weit. Der Bund beteiligt sich zwar, aber nur mit einem Bruchteil. Die Bundespolizei, die die Grenzen und Bahnhöfe schützt, soll 3.000 zusätzliche Stellen erhalten.

Vor allem die ostdeutschen und ländlich geprägten Bundesländer haben dabei ein Problem: Sie finden schon heute nicht genug geeignete Bewerber. Viele junge Leute zieht es in die Großstädte, die Geburtenraten sind niedrig, es fehlt an qualifiziertem Nachwuchs.

Einige Länder haben deshalb bereits ihre Zulassungsbeschränkungen gelockert. Die Bundespolizei verzichtet nun auf eine Mindestgröße bei ihren Bewerbern, auch in Mecklenburg-Vorpommern darf man künftig kleiner sein als 1,65 Meter. Bei den Landespolizeien spielen die Noten im Abitur oder bei der mittleren Reife keine so große Rolle mehr. So hat Schleswig-Holstein den Mindestdurchschnitt von 2,8 im Abitur abgeschafft. Auch wurde die Toleranzschwelle beim Rechtschreibtest erhöht, falsche Interpunktion wird im Rechtschreibtest gleich gar nicht mehr berücksichtigt. 

Viele scheitern schon am Rechtschreibtest

Doch trotz des gesenkten Niveaus fehlt es an Bewerbern. In Berlin schafften in diesem Jahr mehr als 40 Prozent der Teilnehmer den Einstellungstest nicht. Von den 2.791 Gescheiterten fielen 2.139 allein beim Rechtschreibtest durch. In anderen Bundesländern sieht es nicht besser aus: "Nur 383 Bewerber haben die Tests in Schleswig-Holstein 2015 überhaupt bestanden. Das ist ein sehr niedriger Wert und eigentlich zu wenig, wenn man bedenkt, dass wir unsere Ansprüche gesenkt haben", sagt Landespolizeisprecher Thorg Stelk. Dabei seien von den 383, die bestanden hatten, nicht einmal alle angetreten, manche hätten sich im letzten Moment gegen den Beruf Polizist entschieden. "Und 450 Bewerber sind gar nicht erst zum Test erschienen, obwohl sie eingeladen waren."

Bei der Suche nach IT-Fachleuten erlebt die Polizei zunehmend solche Doppelbewerber, die dann doch lieber in die Wirtschaft gehen, wenn sie von beiden Seiten Zusagen bekommen. Alle Polizeien von Bund und Ländern müssen ihre IT-Fähigkeiten stark ausbauen. Doch auf dem Arbeitsmarkt stehen sie in Konkurrenz zu Unternehmen aus der Automobilbranche, zu Technologiekonzernen oder Banken, die deutlich besser zahlen. Das Einstiegsgehalt bei der Polizei liegt, je nach Bundesland, bei 1.600 bis 1.800 Euro brutto. Bei Siemens erhält ein Anfänger in der  IT-Security im ersten Jahr mindestens 3.300 Euro im Monat. Und er muss dort keinen Sporttest und keine Tauglichkeitsuntersuchung ablegen.

Deshalb kann sich André Schulz vom Bund Deutscher Kriminalbeamter vorstellen, dass für solche Bewerber ein eigenes Bewerbungsverfahren entwickelt wird. "Hier fehlt es an Flexibilität, man muss überdenken, ob ein Computerspezialist die 2.000 Meter in unter neun Minuten rennen muss", sagt Schulz.

Mindestens 64.000 Beamte gehen bald in Pension

Dem widerspricht Wolfgang Schönwald. Er ist Sprecher der Gewerkschaft der Polizei. Reine IT-Polizisten könne sich die Polizei nicht leisten. Es gebe nicht genug Kapazitäten, als dass jeder nur dort eingesetzt werden könne, wo er Experte sei: "In den Dienststellen muss man alles können." Natürlich sei es wünschenswert, wenn jeder entsprechend der benötigten Qualifikationen eingestellt werden könnte. Schließlich sei das Spezialwissen, "das muss man studieren, das kann man nicht nebenbei lernen".

Aber das ist noch nicht einmal die gesamte Liste der Probleme. Nach Schätzung der Polizeigewerkschaft werden in den kommenden fünf Jahren 30 bis 40 Prozent der Beamten in Pension gehen. Das wären mindestens 64.000 Stellen, die neu besetzt werden müssten. Zusammen mit dem Innenministerwunsch brauchen die Polizeien damit in den kommenden Jahren 79.000 fertig ausgebildete Beamte. Eine gewaltige Aufgabe. Zählt man alle Stellen zusammen, die derzeit in den Bundesländern für die Ausbildung in allen Bereichen vorhanden sind, kommt man auf nicht einmal 8.000 im Jahr.