Zwischen Schwerin und Swinemünde leben gerade mal so viele Menschen wie in München. Wer nun aber die Ergebnisse der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Hinweis auf die geringe Einwohnerzahl kleinzureden versucht, verkennt gleich zwei Dinge: Zum einen hat ein Trend einen enormen Schub erfahren, der seit Längerem zu beobachten ist. Und zum anderen hat sich ein geradezu unerhörter Verdacht zur Gewissheit verdichtet. 

Der Trend heißt: Die AfD verändert das Land. Und der zur Gewissheit verdichtete Verdacht: Angela Merkel ist nicht mehr die Sonnenkönigin der deutschen Politik. Vier Erkenntnisse lassen sich aus dem Schweriner Ergebnis für die Bundespolitik ableiten.

Eine Andockstation für die Wut

1. Die Wut der Menschen hat mit der AfD eine dauerhafte Andockstation gefunden. Die selbst ernannte Alternative für Deutschland wiederholt zwar alle Fehler und Verhaltensauffälligkeiten, die sich andere, aus wenig differenziertem Protest erwachsene Parteien geleistet haben. Doch im Unterschied zu den Republikanern oder Piraten schaden der AfD weder öffentlich zelebrierte Machtkämpfe noch die veritablen extremistischen oder esoterischen Spinner, die Parteineugründungen ebenso anziehen wie Verschwörungstheorien die digitale Meute.

Diese Wut speist sich aus weit mehr als nur aus dem Unwohlsein vieler über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Sie schwelt schon länger, als die Flüchtlingskrise währt, richtet sich gegen eine als enthoben wahrgenommene politische wie mediale Elite – und wird mit jeder Frontalattacke gegen ihren politischen Fluchtpunkt, die AfD, größer.

Dass nach der CDU die Linkspartei am stärksten an die AfD verliert, zeigt, wie breit das Spektrum ist, aus dem die Wut sich nährt. Und wie wenig Die Linke sie noch binden kann. Bis zur Bundestagswahl wird sie keineswegs verflogen sein. Die Wut ist so groß und so stark, dass ihr mit Fakten kaum beizukommen ist.

Die K-Debatte in der Union wird beginnen

2. Angela Merkel hat ihren Nimbus der allem Parteiengezänk enthobenen, unschlagbaren Präsidialkanzlerin verloren. Wer vor einem Jahr darauf gewettet hätte, dass die Union im Spätsommer 2016 eine ernsthafte Debatte darüber führt, ob sie mit Merkel noch einmal bei der Bundestagswahl ein Jahr später antreten soll, den hätte man wohl für verrückt genug erklärt, Darmstadt 98 als deutschen Fußballmeister zu tippen. Mecklenburg-Vorpommern ist die politische Heimat Angela Merkels. Mit dem Desaster-Ergebnis vom Sonntag wird die K-Debatte in der Union nun erst richtig losgehen. 

Das Problem dabei: Jetzt, da ihr Star Merkel erstmals ernsthaft schwächelt, müsste die CDU mit Themen punkten. Doch da gähnt die große Leere. Noch dramatischer als die personelle Not hinter Merkel wirkt sich nun die inhaltliche Entkernung der CDU aus. "Sie kennen mich" – mit diesem Satz hat Merkel vor drei Jahren die Wahl gewonnen. "Sie kennen die CDU nicht" – mit diesem Satz kann die Union in einem Jahr verlieren. Zumal: Mit einem signifikant schwächeren Ergebnis als 2013 gehen der Union die Koalitionspartner aus. Für das neue Wunschbündnis Schwarz-Grün wird es kaum reichen.