Zwei Polizisten kontrollieren einen 24-jährigen Rumänen in der Dortmunder Nordstadt. Schnell rottet sich eine wütende Gruppe zusammen und bedrängt die Beamten. Die verlieren die Kontrolle über die Situation, Flaschen fliegen. Erst als Verstärkung eintrifft, türmen die Angreifer. Im August gingen Anwohner in Berlin auf Polizisten los, nachdem Kinder zuvor mit einem Auto gespielt und dabei den Motor gestartet hatten. Die Gewerkschaft der Polizei beklagt schon seit Langem, Gewalt und Respektlosigkeit gegen die Ordnungshüter nehme zu. Wären Kameras an der Schulter von Polizisten die Lösung? Könnten sie das Verhältnis zwischen Bürgern und Beamten kitten?

Seit Jahren fordern Innenpolitiker und Polizei nach solchen Schlagzeilen immer wieder die Videoüberwachung per Bodycam. In einigen Städten laufen Pilotversuche, zum Beispiel am Münchner Hauptbahnhof, im Ausgehviertel in Frankfurt und auf St. Pauli in Hamburg. Langsam trudeln die ersten Erfahrungsberichte ein – eine wissenschaftliche Auswertung der Wirkung von Kameras in Deutschland gibt es noch nicht.

Anders in den USA und Großbritannien. Die Universität Cambridge hat eine groß angelegte Studie veröffentlicht und darin einen fast märchenhaften Erfolg von Bodycams festgestellt – allerdings nicht, wenn es um Gewalt gegen Polizisten geht, sondern wenn Polizisten selbst gewalttätig werden.

Gewalt von Polizisten verhindern

Unverhältnismäßige Härte, Tritte, Schläge, Elektroschocker und nicht zuletzt: Schüsse auf unbewaffnete, vor allem schwarze, Männer. Die Polizei in den USA gilt schon lange als gewalttätig. "Genau aus diesem Grund hat man damals angefangen, Polizeieinsätze mit Kameras zu überwachen", sagt Rafael Behr. Behr ist Soziologe und Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei in Hamburg. "Es ging in den USA beim Einsatz von Kameras darum, polizeiliches Handeln zu rechtfertigen", sagt Behr. "Also um das genaue Gegenteil von der Diskussion in Deutschland."

Die Forscher der Eliteuni Cambridge werteten 1,5 Millionen Videostunden von 4.000 Einsätzen aus. Das Material stammt aus Städten in Kalifornien und Großbritannien. In beiden Ländern gehören die Kameras teilweise schon zum Berufsalltag. Die Ergebnisse: In den zwölf Monaten vor der Studie zählten die Statistiker insgesamt 1,2 Beschwerden aus der Bevölkerung pro Polizist. Nach einem Jahr Videobeobachtung fiel dieser Wert auf 0,08 Beschwerden – ein Rückgang um 93 Prozentpunkte. Die Forscher sehen ihre Hypothese bestätigt: Polizisten, die damit rechnen müssen, überwacht und zur Rechenschaft gezogen zu werden, gehen rücksichtsvoller mit den Bürgern um. Die danken es und beschweren sich weniger über das Auftreten der Beamten. Dass trotz der Videos immer wieder Polizisten auf wehrlose Bürger schießen, führen viele darauf zurück, dass im Anschluss harte Urteile fehlten.

In Deutschland wäre dieser Effekt nicht möglich. Hier, so kritisiert Polizeiwissenschaftler Behr, können die Beamten selbst entscheiden, welche Bilder von einem Einsatz geschossen werden. "Über einen Knopf am Handgelenk oder am Revers wird die Kamera aktiviert", erklärt er. "Nach dem Einsatz landet die Datei leider nicht auf einem unabhängigen Server, sondern auf dem Tisch des Vorgesetzten." Der entscheide dann, ob die Aufnahmen gespeichert werden. "In Deutschland werden Kameras nicht helfen, um Gewalt durch Polizisten aufzuklären", sagt Behr.

Überwachung - Bundespolizei testet Bodycams Mehrere Bundesländer prüfen den Einsatz von Körperkameras im Polizeidienst. Jetzt startet auch die Bundespolizei einen Feldversuch unter anderem in Berlin. An den Dienststellen Hauptbahnhof und Ostbahnhof werden zwei Kameratypen sechs Monate lang im Einsatz erprobt.