Seit bald einem Jahr ist Österreich im Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten. Alles ist gesagt und jedes Argument ausgetauscht. Die polarisierte Auseinandersetzung wurde zum Dauerzustand der Republik, seit die Stichwahl von Verfassungsgericht aufgehoben und der notwendige neue Wahlgang wegen eines defekten Klebstoffs von Anfang Oktober auf den 4. Dezember verlegt wurde.

Also noch einmal von vorne: Vergangene Woche wurden die Wahlkampfmaschinen wieder hochgefahren, Plakate geklebt, die Konfrontation geht wieder los: Alexander Van der Bellen, der frühere Parteichef der Grünen, gegen Norbert Hofer von der rechten FPÖ. Echte Begeisterung versprüht keiner mehr. Die Auftaktveranstaltungen glichen eher Pflichtübungen. Die schmutzigen Tricks sind dafür längst außer Kontrolle geraten.

Am Sonntag Abend trafen Hofer und Van der Bellen im Privatsender Puls 4 aufeinander, man weiß gar nicht mehr, zum wievielten Mal. Die Erwartungen an das Fernsehduell waren demnach niedrig. Selbst die rhetorischen Kniffe Hofers sind mittlerweile entzaubert und funktionierten nicht mehr so einfach. Van der Bellen wirkte im Gegenzug offensiver als zuvor – und zerredete in seiner knorrigen Art die eigenen Angriffe doch immer wieder selbst.

Alles wirkte altbekannt: Die Türkei darf nicht in die EU, sagte Hofer – als stünde der Beitritt vor der Tür. Will die FPÖ den Öxit, den Ausstieg Österreichs aus der EU? Irgendwie nicht und dann vielleicht doch wieder. Und gibt es muslimische Pfleger in österreichischen Krankenhäusern? Natürlich gibt es sie, auch wenn Hofer vor wenigen Tagen das Gegenteil behauptet hatte.

Etwas Neues fällt keinem mehr ein. Wie auch. Mangels Ideen ging es erneut unter die Gürtellinie: War Van der Bellens Vater ein Nazi? (Nein, war er nicht.) Warum hat der Grüne vor einem halben Jahrhundert als 21-Jähriger bei einer Kommunalwahl die kommunistische Partei gewählt? Welcher vermeintliche Anhänger hat auf Twitter oder Facebook Grauslichkeiten über den jeweils anderen Kandidaten gepostet? Wie viel Kreide habe Hofer zum Frühstück gegessen, fragte Van der Bellen. Jeder weiß, es geht um viel, und trotzdem mag niemand mehr so wirklich.

Beide Kandidaten werben mit Homestorys

Die Kandidaten wurden bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Norbert Hofer ließ vor zwei Wochen gar den härtesten Boulevard des Landes in sein Einfamilienhaus im Burgenland – und der förderte gar Abenteuerliches zutage: Der Kandidat zieht gern auf dem Rasentraktor die Runden durch den Garten, die Katze darf auf der Couch fläzen und die Teenagertochter hat einen Freund.

Auch Van der Bellen hat Erstaunliches über sich preisgegeben: Nein, er sei zwar im Tiroler Kaunertal aufgewachsen, aber Mitglied einer Schützenkompanie war er trotzdem nie. Dafür inszeniert sich der urbane Ökonomieprofessor als Bergbauernbub und entdeckte seine Affinität zur Natur: In den vergangenen Monaten war er öfter auf Berggipfeln anzutreffen als so manches Alpenvereinsmitglied. Und beide werden nicht müde, ihre Liebe zur "Heimat" zu betonen.

Hofer appelliert nun an höhere Mächte und plakatiert: "So wahr mir Gott helfe". Sein Kontrahent setzt auf die Ratio und hat nach dem Sieg Donald Trumps "Vernunft statt Extreme" zum Slogan erkoren. Die letzte verbliebene Botschaft seiner Kampagne scheint zu sein: Wer all seine Sinne beisammen hat, wählt Van der Bellen. Ob das noch funktioniert? Brexit und Trump waren die Stimmen der Gegenvernunft und haben gewonnen. Und auch in Österreich geben sich viele nicht mehr mit dem Argument zufrieden, alles sei besser als die FPÖ.

Am Ende der 90-minütigen Debatte – unterbrochen von Werbepausen, in denen auch der Spot eines österreichischen Bauindustriellen lief, der martialisch vor Hofer warnt – wurden dann noch Nettigkeiten ausgetauscht. "Freundschaftlich" sei das Verhältnis miteinander, meinte Hofer. "Das Wort würde ich mir noch einmal überlegen", antwortete Van der Bellen grummelig. Positiv sei ihm aber aufgefallen, dass sein Gegenüber viel besser angezogen sei als im Mai. Das Land ist polarisiert und in zwei Hälften geteilt. "Aber wir machen es gemeinsam aus", betont Van der Bellen. Man möchte es gerne glauben.