ZEIT ONLINE: Herr Diaw, am Dienstag wurde der Verein Die wahre Religion (DwR) verboten. Sehen Sie die Gefahr, dass die Mitglieder im Untergrund weiterarbeiten?

Moussa al-Hassan Diaw: Sie werden alternative Wege finden, ihren missionarischen Eifer auszuüben. Vielleicht gründen sie einen neuen Verein. Gewaltbereite Menschen, die die Gesellschaft und auch andere Muslime hassen, sehen in dem Verbot einen weiteren Beleg dafür, dass der Staat gegen "den Islam" und "die wahren Muslime" vorgeht. Allerdings hat die Lies!-Kampagne zuletzt keine Gewalt mehr gepredigt. Und der Gründer Ibrahim Abou-Nagie hat auch nicht dazu aufgerufen, in den Untergrund zu gehen.

ZEIT ONLINE: Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke von der Aussteiger-Beratungsstelle Hayat kritisiert, das Verbot komme fünf Jahre zu spät.

Islamismus - Innenminister de Maizière verbietet salafistische Organisation Rund 140 junge Menschen seien motiviert von der Vereinigung Die wahre Religion in Kampfgebiete des "Islamischen Staates" ausgereist, sagte de Maizière. Deswegen werde die Vereinigung verboten. © Foto: Wolfgang Rattay/Reuters

Diaw: Es ist richtig, dass Grenzen überschritten werden müssen, bevor der Rechtsstaat einschreitet. Doch das Verbot der Vereinigung ist tatsächlich zu spät erfolgt. Der Druck auf den Verein kam lange nicht von den Behörden, sondern von den Medien. Erst die Berichterstattung führte dazu, dass Abou-Nagie in neueren Videos viele radikale Positionen widerrufen hat. Er sagte beispielsweise nicht mehr, dass Muslime vom Islam abfallen, wenn sie die Demokratie akzeptieren. Die alten Videos mit radikalen Aussagen finden sich aber noch immer im Internet.

Es gab auch andere Anlässe für ein Einschreiten, viele Anhänger von Die wahre Religion haben sich eindeutig geäußert. Ein Mitglied, Abu Ibrahim, hat beispielsweise in der Vergangenheit bei Lies!-Buchständen ganz offen Propaganda gegen die Gesellschaft und andere Muslime gemacht. Er ist auch bei der verbotenen salafistischen Organisation Millatu Ibrahim aufgetreten, die den "Islamischen Staat" unterstützt. Man sollte solche Bewegungen nicht groß werden lassen, sondern früh mit präventiven Maßnahmen eingreifen. Es ist wichtig herauszustellen, dass der Staat einen Verein verboten hat, der die Religion missbraucht hat. Das Vorgehen richtet sich nicht gegen die Verteilung des Korans.

ZEIT ONLINE: Was kann der Staat tun?

Diaw: Er sollte vermehrt auf kleine Initiativen von muslimischen Akteuren zugehen. Beispiele sind das Café Abraham für interreligiösen Dialog, die Initiative 180-Grad-Wende oder auch der Rat muslimischer Studierender und Akademiker. Solche Organisationen haben oft nicht das Geld für Lobbyarbeit. Stattdessen arbeiten die Behörden oft mit großen und bekannten Organisationen zusammen – auch wenn manche von ihnen wenig Expertise bei der Thematik haben, dafür aber wissen, wie man Anträge schreibt.

Moussa al-Hassan Diaw ist Mitgründer des DERAD-Netzwerkes Sozialer Zusammenhalt, Prävention, Dialog und Demokratie in Österreich. Er promoviert an der Universität Osnabrück zum Thema politischer Salafismus. © Jenis

ZEIT ONLINE: Nimmt die Propaganda zu? Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt, dass es 9.200 radikal-islamistische Salafisten in Deutschland gibt. Die Zahl stieg in den vergangenen Jahren stark.

Diaw: Das klingt nach vielen Anhängern, aber man sollte auch nicht vergessen, dass in Deutschland fünfeinhalb Millionen Muslime leben. Das Aufkommen von Propagandavideos und -bildern ist tatsächlich gestiegen. Es gibt zunehmend deutsches Material, das leider auch von deutschen Medien verbreitet wird. Das ist ein Problem, weil viele junge Menschen den Islam über das Internet kennenlernen. Dort finden sie viel Halbwissen vor. Zudem identifizieren sich manche Jugendliche mit den Protagonisten dieser Videos. Das Material des IS ist beispielsweise fast schon zu einer Art Popkultur für manche Jugendlichen geworden.

ZEIT ONLINE: Sie besuchen im Auftrag des österreichischen Justizministeriums wegen Terrorismus angeklagte Personen in Gefängnissen. Was sind das für Menschen?

Diaw: Sie sind ganz unterschiedlich. Da sind Cliquen von jungen Männern von 14 Jahren aufwärts, die sich im Park treffen oder von der Schule kennen, teilweise auch leicht kriminell waren. Manche haben Freundinnen, die sie islamisch heiraten wollen. Gleichzeitig schwärmen sie für eine politisch-salafistische Ideologie, schreien bei Auseinandersetzungen "Allahu Akbar" und behaupten, sie unterstützen den IS. Sie posten das auf Facebook oder versuchen auszureisen. Es gibt auch ältere Personen, die ausgereist sind oder versucht haben, streng islamisch zu leben und die stark von der Ideologie überzeugt sind.

ZEIT ONLINE: Ist da Prävention überhaupt noch möglich?

Diaw: Sozialarbeiter können eine Beziehung zu politisch-salafistisch beeinflussten Leuten aufbauen. Weltanschaulich werden sie gegen die Ideologie aber nicht ankommen. Es ist für Muslime leichter, andere Muslime zu erreichen, ihnen aufzuzeigen: Was ihr vertretet, widerspricht einerseits dem Mainstream und andererseits gefährdet ihr die Gemeinschaft, weil ihr die Muslime in ein falsches Licht rückt. Wichtig ist auch der muslimisch-jüdische und christliche Dialog und politische Bildung: Workshops in Schulen erreichen viele Jugendliche.

Zentral in der Präventionsarbeit sind alternative Erzählungen im Internet, auf die Jugendliche beim Suchen stoßen. Derzeit findet man hauptsächlich Propaganda. Auf YouTube und Facebook findet man unter dem Stichwort "Islam" entweder antimuslimisches oder radikal-islamistisches Material – in deutscher Sprache.