Er klettert einen Geschützturm hoch, rennt mit aufgesetzter Atemschutzmaske und Feuerlöscher in der Hand durch das Schiff, hantiert mit Gewehren. Der Tag von Ferdinand M. bei der deutschen Marine scheint abwechslungsreich und spannend zu sein. Zumindest zeigt ihn so die Bundeswehr in einem zweiminütigen Werbeclip. Darin schwärmt der junge Soldat von seinem Dienst auf der Fregatte Augsburg. "Es ist einfach die Motivation gewesen, man erlebt etwas, man kommt rum und die Erfahrung, die man hier an Bord genießt oder erlebt, die kann einem nicht genommen werden, und die kann man nirgendwo anders erfahren". 14 Monate als freiwillig Wehrdienstleistender hat er noch vor sich.

Ein aufgeweckter Abiturient, der sich gewählt ausdrücken kann: Solche Soldaten würde die Bundeswehr gern häufiger einstellen. "Der freiwillige Wehrdienst bei der Bundeswehr ist eine super Chance, vor Ausbildung oder Studium noch mal ganz andere Erfahrungen zu sammeln", wirbt die Armee. Bevorzugt versucht sie, eine gut gebildete Zielgruppe anzusprechen, mit Werbevideos im Internet, mit Karrieretrucks auf Messen und Volksfesten, mit speziell geschulten Offizieren, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von der Attraktivität der Truppe überzeugen sollen. Und seit zwei Jahren auch mit einem Rekrutierungsbüro in Berlin Mitte, unweit der Friedrichstraße. "Showroom" nennt die Bundeswehr die Einrichtung, für die sie gut 15.000 Euro Miete im Monat bezahlt. Zwischen November 2014 und Ende Januar 2016 beriet das Personal hier 2.743 Interessierte, von denen sich 1.280 für eine militärische Tätigkeit beworben haben – wie viele genommen wurden, verrät die Bundeswehr nicht.

An anderen Orten gibt sie für die Personalgewinnung deutlich mehr aus: Das Zentrale Messe- und Eventmarketing der Bundeswehr investierte 1,8 Millionen Euro für 65 Veranstaltungen, die Karrierecenter waren auf 1.900 Messen und Ausstellungen aktiv – auch dafür fielen 1,8 Millionen Euro an. Im Vergleich mit einer seit Kurzem laufenden Internetkampagne sind das allerdings kleine Zahlen.

Die Serie Die Rekruten, die zwölf Freiwillige zwölf Wochen lang begleitet und noch bis Januar 2017 läuft, kostet mehr als 1,7 Millionen Euro, dazu kommen Ausgaben für eine begleitende Medienkampagne von gut 6,2 Millionen Euro. Jährlich gibt das Verteidigungsministerium für die vielfältigen Aktivitäten zur Nachwuchsrekrutierung insgesamt rund 35 Millionen Euro aus, fünf Millionen Euro mehr als 2014. Und die sind dringend nötig.

Seit dem Ende der Wehrpflicht vor fünf Jahren hat die Bundeswehr große Nachwuchssorgen: Junge Leute kommen nicht mehr einfach als Zwangsverpflichtete in die Truppe. Die Bundeswehr liefert sich mit der Wirtschaft einen Wettkampf um die besten Köpfe – und den scheint sie bislang zu verlieren.

Ein Verteidigungspolitiker aus dem Bundestag unkte schon, dass die Bundeswehr bald wie wie die britische Armee in Gefängnissen um neue Soldaten werben müsse. Schon als der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) die ersten Freiwilligen in einer Kaserne in Berlin begrüßte, zeigte sich, dass die Truppe für viele junge Leute nur die letzte Option ist, wenn sich andere Pläne zerschlagen haben. Viele Freiwillige entdecken zudem bald, dass die Armee nichts für sie ist und nutzen die sechsmonatige Probezeit, um sich frühzeitig wieder aus dem Dienst zu verabschieden.

Für Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sind deswegen die teuren Werbekampagnen gut angelegtes Geld. "Die Bundeswehr muss sich richtig anstrengen für den Nachwuchs, wie jedes andere große Unternehmen auch. Wir brauchen im Jahr alleine 20.000 Soldatinnen und Soldaten, die immer wieder eingestellt werden", sagte die Ministerin in der ARD. "Das heißt, wir müssen sehr stark werben."

Doch besonders erfolgreich wirbt die Bundeswehr momentan offenbar nicht um die klugen Köpfe. Deshalb senkt die Verteidigungsministerin jetzt die Ansprüche. "Wir finden wichtig, allen eine Chance zu geben. Natürlich brauchen wir den Einser-Kandidaten aus dem Abitur genauso selbstverständlich wie die junge Frau, die ihren Abschluss nicht geschafft hat, weil sie viele Probleme hatte, die aber viel kann und bei uns durchaus auch Ausbildung nachholen kann", sagt von der Leyen. Auch die Altersgrenze soll teilweise fallen: Nun könnten die Bewerber für den freiwilligen Wehrdienst auch älter als 30 Jahre alt sein, wenn sie Spezialkenntnisse mitbrächten.

Von der Leyen muss nun liefern

2015 gingen bei der Bundeswehr 106.000 Bewerbungen ein. Knapp jeden vierten Bewerber stellte die Truppe ein. Damit wurden die Sorgen der Verantwortlichen aber nicht kleiner. Hilfe suchten sie daher außerhalb – bei einem Experten für Arbeitsvermittlung, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise. Der versprach, die Suche zu unterstützen. So nimmt die Bundesagentur offene Stellen für freiwillig Wehrdienstleistende jetzt in ihre Stellenbörse auf und will helfen, qualifiziertes Personal zu finden. 

Wenn das alles nicht hilft, denkt man in der Bundeswehr auch darüber nach, Schulabbrecher und andere anzuwerben, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind: Der Soldatenberuf als Alternative zu Hartz IV sozusagen. Auch EU-Ausländer will von der Leyen demnächst rekrutieren. Der Bedarf steigt angesichts der Ukraine-Krise, dem Kampf gegen die Terrororganisation IS und mehr Auslandseinsätzen immer weiter. Das Verteidigungsministerium geht von einem zusätzlichen Personalbedarf von 14.300 Soldaten für die nächsten sieben Jahre aus. Auch die müssen immer wieder neu rekrutiert werden.

Bei all den Problemen ihrer langsamen Behörde und der Armee – von der Leyen muss nun liefern. Das fordert nicht nur die Opposition im Bundestag, auch die Soldaten verlangen Veränderungen. Die Ministerin hat angekündigt, die Bundeswehr zu einem modernen, attraktiven Arbeitgeber machen zu wollen. Sie hat Programme wie die Agenda "Bundeswehr in Führung – Aktiv. Attraktiv. Anders" auf den Weg gebracht. Sie spricht seit ihrer Amtsübernahme über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Soldaten, von Arbeitsautonomie, die erhöht werden soll. Das klingt zumindest gut.

Doch eine im Sommer gestartete Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften ergab: Nur 59 Prozent der Bundeswehrangehörigen halten ihren Dienstherren für einen attraktiven Arbeitgeber, nur knapp mehr als die Hälfte würde wieder dort anfangen, wenn sie sich neu entscheiden müssten. Eigenwerbung sieht anders aus. Da Erfolgsmeldungen aus der Nachwuchsgewinnung in den vergangenen Jahren eine Seltenheit waren, hat die Bundeswehr nun gleich zu einem Medientag mit den zwölf Rekruten aus der Webserie geladen. Neue schöne Werbebilder von einer gut gelaunten Truppe produzieren. Dass sich danach tatsächlich genügend Freiwillige melden, scheint eher unwahrscheinlich.