Klar, Rechtspopulisten machen das so. Kaum war in Polen im November 2015 Beata Szydło von der national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit an die Regierung gelangt, verbannte sie erst mal die blauen Europafahnen. Nur noch die rot-weißen Flaggen Polens zierten die Bühne, auf der sie ihre erste Pressekonferenz gab. Die patriotische Botschaft war eindeutig, zuerst kommt die eigene Nation – und dann eigentlich gar nichts mehr.

Ein Jahr später fand Szydło einen Nachahmer, mit dem sie wohl nie gerechnet hätte: Matteo Renzi. Ausgerechnet Italiens Ministerpräsident und Chef der gemäßigt linken, traditionell proeuropäischen Partito Democratico (PD), tat es ihr in den letzten Wochen gleich und präsentierte sich in seinem Amtssitz vor einem Wald rot-weiß-grüner Fahnen. Und die Banner Europas, die bisher immer gemeinsam mit der Nationalflagge die Bühne geziert hatten? Ab in die Tonne, oder wenigstens in den Keller. Schließlich steht am Sonntag das wichtige Verfassungsreferendum an – und wenn der Premier die Italiener auf seine Seite ziehen will, muss er, so meint er offenbar, auch den vielen Europaskeptikern unter ihnen Tribut zollen.

Die Geste mit den abgehängten Europafahnen passt zu Renzis Rhetorik aus den letzten Wochen und Monaten. Gerne schlägt er ruppige Töne an, wenn es um die EU geht. "Ich kann doch nicht um der von Europa diktierten Stabilität willen Italiens Schulen einstürzen lassen", zürnt er zum Beispiel, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, dass die Kosten für die Sanierung der Schulgebäude – ein heißes Thema in dem immer wieder von Erdbeben erschütterten Land – aus dem europäischen Stabilitätspakt herausgerechnet werden sollen, ganz so, als hätten EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem einen Anschlag auf die italienischen Schulkinder im Sinn.

Überhaupt seien die Zeiten vorbei, in denen Italiens Regierungschef "zum Mitschreiben" auf den europäischen Gipfeln präsent war, tönt Renzi. Statt sich Hausaufgaben diktieren zu lassen, möchte er lieber selber – dies ist die Botschaft – diktieren, wo es in der EU langgeht.

Viel Zeit, so scheint es, ist vergangen seit dem Februar 2014, als der jung-dynamische Florentiner in Rom die Regierung übernahm, als er sich in Berlin bei Angela Merkel präsentierte, bewaffnet mit Dutzenden Slides seiner Powerpoint-Präsentation, um sich vor der Kanzlerin als von Reformeifer geladener europäischer Musterschüler zu präsentieren. Damals war sein Grundtenor, dass Italien seine Verpflichtungen erfüllt, "nicht weil Europa es uns vorschreibt, sondern um unserer Kinder willen".

Heute ist der Zungenschlag ganz anders, heute ätzt Renzi gegen "Brüssels Bürokraten" und die von dort verordnete "Austerität". Er droht mit einem Veto gegen den EU-Haushalt und verlangt, dass Italiens Interessen – ob in der Flüchtlingskrise oder oder bei einer großzügigeren Auslegung des Stabilitätspakts – berücksichtigt werden.

Merkwürdig bloß, dass das in Brüssel und in Berlin niemanden so recht aufzuregen scheint. Juncker will in diesen Tagen vor dem Referendum kein unfreundliches Wort über Renzi entfahren. Im Gegenteil, er erklärte in einem Zeitungsinterview vom letzten Wochenende, mit Renzi sei er "unter vier Augen immer einig", und auch wenn er nicht wisse, ob eine Parteinahme für den Sieg des Ja im Verfassungsreferendum hilfreich sei, wolle er wenigstens dies loswerden: "Ich wünsche mir nicht, dass das Nein gewinnt, Italien ist eine große Nation, und Renzi hat dazu beigetragen".

Entsprechend sieht die Kommission im Moment auch darüber hinweg, dass Italien mit seinem Haushalt weiterhin die Verschuldungsgrenze überschreitet. In Brüssel weiß man: Ein blauer Brief von dort käme den Renzi-Gegnern sehr gelegen, um gegen Renzi und die EU Stimmung zu machen.