Man sieht: Nicht nur die Abgehängten der Globalisierung, sondern auch Angehörige intellektueller Kreise mögen Vereinfachungen, Überzeichnungen und klare Schuldzuweisungen.

Ähnlich ist es beim Streit über die Grenzen des Wachstums – eine ebenfalls an sich sehr intellektuelle und keineswegs rechtspopulistische Debatte. Das Dilemma: Wirtschaftliches Wachstum ist für moderne soziale Sicherungssysteme, öffentliche Haushalte und den Arbeitsmarkt nicht leicht zu entbehren. Doch gleichzeitig ist es ökologisch unausweichlich, neben besserer, wachstumstauglicher Technik unseren Konsum zu reduzieren, auch wenn wir damit nolens volens das Wachstumszeitalter hinter uns lassen.

Wie das gelingen kann, darüber muss man intensiv nachdenken. Die Lage ist verzwickt, die Debatte aber verläuft entlang schlichter Lagergrenzen. Eine Fraktion plädiert für ein einfaches "Weiter so". Ihre wenigen, aber lautstarken Gegner stempeln jeden als ahnungslos ab, der auf die noch ungeklärten Fragen zum Postwachstum hinweist. So findet man keine Lösung, auch wenn die eine wie die andere Seite problemlos jubelnde Auditorien findet.

Wir alle sind über Arbeitsplätze, Konsumwünsche oder Pensionsfonds mehr oder minder mit der Wachstumswelt verflochten. Und allzu menschliche Neigungen zu Bequemlichkeit, Verdrängung, Geltungsstreben und eingefahrene Normalitätsvorstellungen – wie die von der täglichen Autofahrt zur Arbeit – erschweren jeden grundlegenden Wandel. Streng genommen müsste auch jede und jeder Einzelne sich darüber klar werden und sein Verhalten ändern. Denn Politik, Unternehmen und wir alle hängen wechselseitig voneinander ab. Ohne Wähler und Käufer gäbe es den ökologisch verheerenden Status quo nicht. Dass manche lieber in Gruppengefühlen schwelgen, die durch gemeinsame Kapitalisten-Feindbilder erzeugt werden, statt auch die eigene Rolle zu reflektieren, ist menschlich, aber wenig weiterführend.

Weniger reden, mehr tun

Man könnte noch zuspitzen: Haben starke Vereinfachungen und Gruppengefühle nicht sogar handfeste Vorteile? Evolutionsbiologisch sind solche grundlegenden Emotionen vermutlich entstanden, um die Kooperation der Menschen zu sichern und den Einzelnen nicht mit einer überkomplexen Welt zu belasten. Nur: Wenn wir uns eine ökonomisch, technisch und politisch immer undurchsichtigere Welt bauen, funktioniert diese Steinzeitstrategie nicht mehr. Wir müssen lernen, mehr Unsicherheit und Komplexität auszuhalten, auch wenn uns der Vereinfachungsdrang noch so sehr packt.

Demokratie bedeutet: Uneindeutigkeit zulassen. Die Komplexität ist hoch, die Faktenlage ist oft unsicher, und kollidierende Ziele wie beispielsweise mehr Wohlstand einerseits und ein langfristig bewohnbarer Planet andererseits erfordern sehr oft schmerzhafte Kompromisse. Und häufig gibt es mehrere ähnlich gute Wege, um ein Problem zu lösen. Ein frontales Technik-, Globalisierungs- oder Wachstumsbashing führt da kaum weiter, auch dann nicht, wenn Intellektuelle es vertreten. Energieeffizienztechnik kann zum Beispiel durchaus einen zentralen Beitrag zum Beispiel zum Klimaschutz leisten. Auch wenn sie allein nicht reicht und auch weniger Konsum nötig ist.

Was der Demokratie auch helfen würde: weniger reden, vor allem nicht in Foren wie in Talkshows, in denen einfache Wahrheiten besonders gut verfangen, und sich dafür stärker in der repräsentativen Demokratie engagieren. Zum Beispiel in einer Partei oder einem Umweltverband. Dort helfen generalisierende Betrachtungen über die Entwicklung des Weltgeschehens, so anregend sie auch sein mögen, allein kaum weiter. Denn dort geht es um konkrete, fundierte Einschätzungen und Entscheidungen, die getroffen werden müssen.

Verfallstheorien über verblödete Massen sowie degenerierte Eliten und Jugendliche waren schon in der Antike beliebt. Dass die intellektuellen Eliten, wenn sie doch selbst zu einfachen Wahrheiten neigen, mit dieser ihrer Arroganz Wasser auf den Mühlen der Trumps und Erdoğans dieser Welt sind, scheint niemandem aufzufallen. Konkrete Lösungen zum Beispiel für den Klimaschutz ergeben sich so jedenfalls kaum. Wenn wir es nicht schaffen, uns zu bessern, weniger zu reden und mehr zu handeln, dann bleibt die Demokratie dauerhaft prekär.