Die Welt ist in Aufruhr: In Großbritannien hat eine Mehrheit der Wähler für den Austritt aus Europa gestimmt, in vielen Ländern festigen Autokraten ihre Macht, der Rechtspopulismus erhält Zulauf – und in den USA hat Donald Trump trotz heftiger Fehltritte und mithilfe grober Verschwörungstheorien die Präsidentschaftswahl für sich entschieden.

Dahinter scheint ein aktueller Trend hin zu einfachen Wahrheiten zu stecken, dem eine wachsende Zahl von Bürgern und Politikern anheimfallen. Sogenannte Modernisierungsverlierer gelten als die Übeltäter. Sie ließen sich, so geht die Geschichte, von der Hau-drauf-Rhetorik und den Verschwörungstheorien der Rechtspopulisten mitreißen, ohne die Folgen zu bedenken.

Doch näher betrachtet ist das Ganze nicht neu. Und nicht nur die Abgehängten sind empfänglich für einfache Antworten und Schuldzuweisungen. Das Faible für schlichte Lösungen haben mehr oder minder ausgeprägt alle Menschen – nicht nur die Fans von Donald Trump. Es ist ungeachtet aller aktuellen Ausschläge auch ein psychisches Grundphänomen, das verschiedene menschliche Bedürfnisse bedient.

Zum Beispiel die Klimaschützer: Manche von ihnen möchten die Erderwärmung allein mit technischen Mitteln stoppen. Andere lehnen genau das ab. Die einen glauben nur an den Fortschritt, die anderen nur an Verzicht.

Ökodiktatur? Von wegen

Die einen fürchten die Ökodiktatur, wenn fossile Brennstoffe verteuert und Flug- oder Autoreisen dadurch seltener würden. Das würde sie in ihrer Freiheit unzulässig einschränken, sagen sie. Dass durch ihren – wenngleich unter Druck zustande gekommenen – Verzicht aufs Fliegen und Autofahren aber andere Menschen besser vor Klimaschäden geschützt würden und somit deren Freiheit stärker gewahrt bliebe, ignorieren sie. Mit einer Diktatur hat all das nichts zu tun. Es ist das tägliche Geschäft der Demokratie, die Freiheit der einen vor der Freiheit der anderen zu schützen.

Andere beschwören die Diktatur der Nicht-Ökos herauf, wie beispielsweise Harald Welzer, der in seinem Buch Die smarte Diktatur der Digitalisierung einschließlich ihrer endlosen Konsummöglichkeiten diktatorische Qualität zuspricht. Die Diagnose mag den einen oder anderen elektrisieren. Dennoch bleibt sie eine wenig treffende Überzeichnung – denn sie macht die ebenfalls vorhandenen Chancen der Digitalisierung unzulässig klein, etwa für das Arbeiten gegen autoritäre Regierungen. Spräche man über die Möglichkeiten, die digitale Medien dem Widerstand eröffnen, würde der Befund eher uneindeutig ausfallen. Ebenso übergangen wird die breite Kritik etwa gegen den kommerziellen Umgang der großen IT-Firmen mit Daten. Sie passt ebenfalls schlecht zur These von der digitalen Diktatur.

Übrigens zwingt mich kein Diktator, ein Handy, Smartphone oder Tablet zu kaufen und die ganze Werbung im Internet zu beachten. Und muss man es per se als gedankenlose Selbstversklavung abtun, wenn viele Menschen großen Spaß an ihren digitalen Geräten haben?