Für den 21-jährigen Ökonomiestudenten Ibrahim aus der afghanischen Provinz Paktia ist diese eisige Nacht ohne Schlaf endlich vorbei. Fahles Winterlicht fällt durch die klaffenden Löcher im Dach des Hangars unweit des Belgrader Bahnhofs. Nur ein keuchender Husten zerreißt immer wieder die beklemmende Stille in der verrauchten Halle. An kokelnden Feuern versuchen sich Dutzende übernächtigter Gestalten aufzuwärmen. Andere liegen reglos auf dem bloßen Boden unter einem Berg verschmutzter Decken.

Auf minus 15 Grad waren die Temperaturen in der Nacht in Serbiens Hauptstadt gesackt. Ibrahim habe sich in alle seine Kleider und in drei Decken gehüllt, berichtet er: "Es war unerträglich. Selbst Tiere würden das kaum überleben." Mit zitternder Stimme berichtet der Mann mit dem lila Schal: "Irgendwann fühlst du deinen Körper nicht mehr, weißt du nicht mehr, ob es Tag oder Nacht ist, kannst du dich nicht mehr erinnern, wann und was du zum letzten Mal gegessen hast. Das ist der Zustand meiner Seele, meines Lebens. Ich fühle mich leer und weiß nicht mehr weiter."

Asylgesuche werden missachtet

Erneut sind am Wochenende zwei irakische Flüchtlinge in einem bulgarischen Wald erfroren. Doch nicht nur die grimmige Kälte quält die unerwünschten Grenzgänger auf der sogenannten Balkanroute. Vor Jahresfrist wurden die in Richtung Westeuropa ziehenden Flüchtlinge noch von einem Heer von Hilfsinstitutionen eskortiert. Doch statt Mitgefühl schlägt ihnen auf der seit dem Frühjahr weitgehend abgeriegelten Route vermehrt Gleichgültigkeit oder gar offene Feindseligkeit entgegen: Die Polizei verschärft ihre Maßnahmen gegen die lästigen Transitflüchtlinge, unter anderem mit illegalen Abschiebungen.

Ein Asylgesuch wird inzwischen nicht nur in Ungarn bisweilen missachtet. Per Mobiltelefon alarmierte Helfer aus Belgrad vermochten Mitte Dezember eine Gruppe von sieben irakischen Asylbewerbern mit Kindern vor dem drohenden Kältetod zu retten: Sie waren bei einer offiziellen Überstellung von Belgrad in ein an der bulgarischen Grenze gelegenes Aufnahmelager von Uniformträgern aus dem Bus gezerrt, ihrer Papiere beraubt und bei minus elf Grad mitten in der Nacht in einem Wald ausgesetzt worden. "Dies war ein klarer Versuch der illegalen Deportation", so Gordan Paunovic von der Belgrader Hilfsorganisation Info Park: "Wir hören darüber seit Monaten, aber hatten bisher dafür keine Beweise." Auch die jesuitische Flüchtlingshilfsorganisation JRS in Kroatien klagte zu Jahresbeginn über die zunehmende Anzahl von Fällen ungesetzlicher Abschiebungen von Asylsuchenden.

Ein mehr als 3.000 Kilometer langer Fluchtweg

Der ungefähre Verlauf der sogenannten Balkanroute, die viele Flüchtlinge im Jahr 2015 nahmen, um nach Deutschland zu gelangen.

Die Feuer in der düsteren Belgrader Halle vermögen die schneidende Kälte kaum zu vertreiben. Er sei 21 Jahre alt, berichtet der fröstelnde Rohit. Seine Odyssee hat in dem Gesicht des Afghanen ihre Spuren hinterlassen. Er ist früh gealtert. Vor zwei Jahren sei er aus seiner Heimatstadt Kabul aufgebrochen. Meistens zu Fuß, manchmal sei er mit dem Auto unterwegs gewesen, erzählt er mit leiser Stimme: "Ich habe zu Hause meine Familie verloren. Für mich gibt es in Afghanistan nichts mehr, nur Krieg."

Druck auf die Balkanroute

Trotz verstärkter Grenzkontrollen und Stacheldrahtbarrieren sollen seit der offiziellen Schließung der Balkanroute im März laut einem Bericht von Radio Free Europe mehr als 100.000 Transitflüchtlinge durch Serbien in Richtung Westeuropa geschleust worden sein. Die rigide Verschärfung der ungarischen Flüchtlingspolitik im Sommer hat die Balkanpassage zwar merklich erschwert. Doch nicht nur die regelmäßigen Verhaftungen von Schleppern und ihren Passagieren, sondern auch brechend volle Aufnahmelager und der anhaltende Andrang in den "wilden" Durchgangslagern wie in dem tristen Backsteinbau am Belgrader Bahnhof zeugen in Serbien vom anhaltenden Druck auf der Balkanroute: Trotz stark gesunkener Flüchtlingszahlen gilt sie nach Einschätzung der deutschen Polizei noch immer als einer der wichtigsten Einreiserouten nach Mitteleuropa.