"Die Zerbrechlichkeit der Freiheit ist die einfachste und tiefste Erfahrung meines Lebens." Dieser Satz des im Mai vorigen Jahres verstorbenen deutsch-amerikanischen Historikers Fritz Stern stand vergangenen Donnerstag als mahnender Leitspruch über dem Kolloquium, zu dem Norbert Freis Jenaer Zentrum für die Geschichte des 20. Jahrhunderts ins Allianz Forum am Berliner Pariser Platz eingeladen hatte. Und es gab keinen der dort versammelten Freunde, Kollegen und Weggefährten, die Sterns Erfahrung nicht mit großer Besorgnis auf die heutige Welt übertragen hätten.

Fritz Stern, als Sproß einer großbürgerlichen Familie mit jüdischen Wurzeln, 1926 in Breslau geboren, war zwölf Jahre alt, als seine Eltern mit ihm in die Vereinigten Staaten flüchteten. Das Drama der deutschen Geschichte wurde sein Lebensthema. Als Historiker schrieb er über Bismarck, dessen Bankier Bleichröder und über die völkisch-nationalistischen Vordenker Adolf Hitlers (Kulturpessimismus als politische Gefahr). In seiner ebenso brillanten wie berührenden Autobiografie Fünf Deutschland und ein Leben verwob er seine Lebensgeschichte mit unvergesslichen Porträts der Weimarer Republik, des Dritten Reiches, der Bundesrepublik, der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands. Und er wurde zum rastlosen Mittler zwischen seiner alten deutschen und der neuen amerikanischen Heimat.

Am Ende seines Lebens ("im Schatten und auf dem Schutt des 20. Jahrhunderts", wie er sagte) trieb ihn die Sorge um, dass der Freiheit aufs Neue politische Gefahr drohe. Wie sein Freund Ralf Dahrendorf war ihm schon immer bewusst, dass das pathologische Syndrom des politischen Ressentiments älter ist als der Nationalsozialismus und dass es diesen zugleich überlebt hat. Doch nun sah er, wie die unheilvollen Kräfte der Vergangenheit in manchen europäischen Staaten wieder Geltung erlangen; Le Pen, Orbán, Kaczynski, Wilders, die AfD gewannen an Boden. Vor allem jedoch musste er erkennen, dass ein aufgeheizter Nationalismus auch in Amerika Fuß zu fassen begann. "Ich glaube, wir stehen vor einem neuen, illiberalen Zeitalter", sagte er kurz vor seinem Tode. "Ich bin aufgewachsen mit dem Ende einer Demokratie. Jetzt muss ich am Ende meines Lebens die Kämpfe um die Demokratie noch einmal erleben."

Liberalismus ist zum Schimpfwort geworden

Liberalismus – oft verwechselt mit dem radikalkapitalistischen Neoliberalismus – sei zum Schimpfwort geworden, klagte er; die Errungenschaften der Aufklärung – Toleranz, politische Vernunft und wissenschaftliche Vermittlung – seien in Verruf geraten. Der Schwächen des Liberalismus war er sich wohl bewusst, doch hielt er ihn für unentbehrlich, lebensnotwendig und reparierbar. Realistische, unverklärte Kritik an den herrschenden Zuständen kann, davon war er überzeugt, der Gestaltung einer besseren Welt dienen. In der Ablehnung der Moderne hingegen, der Flucht in engstirnigen Nationalismus, in Emotionalität anstelle der Rationalität, nicht zuletzt in die Verherrlichung unumschränkter Machthaberei und die Verdammung aller Institutionen erblickte er die Wiederkehr jenes völkischen Ungeistes, der Hitlers Deutschland in die Katastrophe geführt hat.

Für Donald Trump – "ein absolut amoralischer Kerl, der mit Geld und Ignoranz protzt" – hatte Fritz Stern nur Verachtung übrig. Der Triumph des 45. amerikanischen Präsidenten ist ihm erspart geblieben.