Eine ganz normale Woche in der Türkei: Mehr als 20 Journalisten müssen vor Gericht erscheinen; ein Satiremagazin wird wegen seiner Moses-Karikatur geschlossen; eine Tageszeitung zensiert ein Interview mit einem Nobelpreisträger, der den Präsidenten kritisiert; ein kurdischer Journalist wird in Polizeigewahrsam zusammengeschlagen; der Korrespondent einer deutschen Zeitung wird festgenommen.

Nur die letzte Nachricht sorgte hierzulande für Schlagzeilen, weil all diese Repressionen in der Türkei mittlerweile zum Alltag gehören. Fälle wie der von Deniz Yücel, der als Türkei-Korrespondent der Welt seit vergangenem Dienstag im Gefängnis sitzt, sind die Regel, nicht die Ausnahme. Es gilt: Journalisten, die kritisch über die türkische Regierung berichten, müssen mit Festnahme rechnen.

Die Türkei ist schon lange als weltweit größtes Gefängnis für Journalisten bekannt — ein unehrenhafter Titel, den das Land nur vorübergehend an China verlor. Rund 150 Reporter und Redakteure sitzen in türkischer Haft. Seit dem Putschversuch gehen die Behörden noch stärker gegen Journalisten vor, Präsident Recep Tayyip Erdoğan ordnete seitdem per Dekret die Schließung von mehr als hundert Medien an.

Doch Yücels Fall überschreitet eine weitere Linie. Ausländischen Journalisten wurde zuvor höchstens die notwendige Akkreditierung oder die Einreise in die Türkei verwehrt. Wenn ein Korrespondent in Haft geriet, wurde er in der Regel nach wenigen Tagen wieder freigelassen. Mit Yücel sitzt zum ersten Mal ein Korrespondent einer deutschen Zeitung länger im Gefängnis.

Seine Festnahme könnte man also als Signal an uns Auslandskorrespondenten in der Türkei verstehen: Auch ihr seid nicht mehr unantastbar. In den Augen der Regierung in Ankara ist Yücel, der sowohl die deutsche als auch türkische Staatsbürgerschaft besitzt, allerdings ein einheimischer Journalist — und wird entsprechend behandelt.

Yücel wird unter anderem Terrorpropaganda und Datenmissbrauch vorgeworfen, weil er im Herbst über E-Mails des Energieministers Berat Albayrak geschrieben hatte, die von der türkischen Hacker-Gruppe RedHack verbreitet wurden.

Kritisch eingestellte Journalisten müssen vorsichtig sein, damit sie nicht auf den Radar der Regierung geraten, sagt Mehveş Evin, eine türkische Journalistin mit mehr als zwei Jahrzehnten Berufserfahrung. Oft bedeutet das Selbstzensur: "Über diese E-Mails hätte ich persönlich nicht geschrieben," sagt sie.

Der Druck zur Selbstzensur ist deutlich gestiegen

Zwar schrieben auch andere Journalisten über die E-Mails, aber nur wenige türkische Medien trauten sich, darüber zu berichten. Kritische Texte über Erdoğan und seine Familie gelten als tabu — der Präsident hat schon mehr als tausend Kritiker wegen "Beleidigung" verklagt — und Albayrak ist Erdoğans Schwiegersohn. Neben Yücel wurde nach acht anderen Journalisten aufgrund von Berichten über die gehackten E-Mails gefahndet; Fünf von ihnen sitzen in Haft.

Erdoğans Familie ist bei Weitem nicht das einzige Tabuthema. Evin verlor ihren Job als Kolumnistin bei der Tageszeitung Milliyet, nachdem sie kritisch über das Vorgehen des Militärs in der kurdischen Südostregion der Türkei schrieb. Andere Journalisten, die aus der kurdischen Region berichteten, wurden wegen angeblicher "Terrorpropaganda" verhaftet.

Für kurdische Journalisten ist die Situation noch heikler: Viele von ihnen werden gleich als Terroristen eingestuft, als Sympathisanten der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Fast alle prominenten pro-kurdischen Medien wurden seit dem Putschversuch geschlossen.

Festnahme wegen eines Screenshots

"Im Vergleich zu anderen Kollegen hatte ich Glück," sagt Evin. Sie ist auch in sozialen Netzwerken vorsichtiger geworden; schon der Retweet einer Nachricht, die sich kritisch mit der Regierung auseinandersetzt, kann riskant sein. Auch für ausländische Journalisten: Dion Nissenbaum, ein Reporter des Wall Street Journal, verbrachte im Dezember zwei Tage in Polizeigewahrsam. Er sei festgenommen worden, weil er einen Screenshot eines in der Türkei verbotenen IS-Videos teilte.

Sie selbst zensiere sich kaum, sagt Evin, "aber wie lange ich das noch so machen kann, weiß ich nicht". Vor allem das nahende Referendum bereitet ihr Sorgen. Am 16. April wird die Türkei über eine Verfassungsänderung abstimmen, die noch mehr Macht in Erdoğans Hände legen würde. Bereits jetzt ist der Druck zur Selbstzensur gestiegen: Ein bekannter Nachrichtenmoderator wurde kürzlich gefeuert, nachdem er sich für ein "Nein"-Resultat und damit gegen Erdoğans Präsidialsystem aussprach; wenige Tage später zensierte die Zeitung Hürriyet ein Interview mit Autor und Nobelpreisträger Orhan Pamuk, der dieselbe Meinung vertrat.

Selbstzensur ist allerdings nicht das einzige Hindernis für den türkischen Journalismus. Misstrauen und Angst in der Bevölkerung erschweren die Berichterstattung. Auch für Auslandskorrespondenten ist das ein Problem. Immer weniger Menschen sind dazu bereit, sich vor eine Kamera oder ein Mikrofon zu stellen. Kaum jemand möchte seinen Namen nennen.

"Du musst dieses Land lieben, um von hier zu berichten"

Dazu kommen andere Restriktionen, wie etwa die eingeschränkte Reisefreiheit in den kurdischen Südosten, wo das Militär ganze Distrikte zu No-Go-Zonen erklärt. Fragen an die Regierung, Justiz und verschiedene Ministerien werden selten beantwortet, selbst wenn es nur um eine Statistik geht. All das mache ihre Freude am Journalismus zunichte, sagt Evin. "Ich denke, das ist die Idee dahinter."

Türkische und ausländische Journalisten teilen eine weitere Sorge: das Warten auf die offizielle Presse-Akkreditierung. Das gelbe Kärtchen ist aus Sicht der türkischen Regierung eine Lizenz zum Schreiben. Wer sie nicht hat, darf kein Journalist sein. (Wenn Minister sagen, es säßen keine Journalisten in türkischen Gefängnissen, heißt das in Wirklichkeit: Diese Journalisten haben keine gültige Akkreditierung.) Seit dem Putschversuch hat die Regierung Hunderte dieser Karten für türkische Reporter annulliert.

Machtmittel Akkreditierung

Die Akkreditierung für ausländische Journalisten ist zugleich eine Arbeitserlaubnis, und hängt mit der Aufenthaltsgenehmigung zusammen. Ohne Akkreditierung ist es schwierig, frei zu berichten; vor einem Jahr zog der Spiegel seinen Korrespondenten aus der Türkei ab, weil dessen Karte nach monatelanger Wartezeit nicht verlängert wurde. Auch dieses Jahr warten noch einige Journalisten auf ihre Akkreditierung. "Ich warte seit zwei Monaten. Ich mache mir langsam Sorgen," sagt eine europäische Korrespondentin kurdischer Herkunft, die anonym bleiben möchte.

Auch sie hat festgestellt, dass immer weniger Menschen zu einem Interview bereit sind, auch Anhänger der Regierung, die ausländische Journalisten mit wachsendem Argwohn betrachten. Die Ansicht, dass Korrespondenten eine versteckte Anti-Türkei-Agenda vertreten, ist weit verbreitet. Auf sozialen Medien ist die Reaktion oft weniger subtil: "Spion" oder "Terrorunterstützer" werden Journalisten dort genannt.

Die Korrespondentin erzählt, dass Unterstützer Erdoğans ihr aufgrund ihrer kurdisch-türkischen Wurzeln Landesverrat oder eine unpatriotische Haltung vorwerfen. Kürzlich teilte sie eine Reportage eines TV-Senders über asylsuchende türkische Nato-Soldaten. Sofort reagierten nationalistische User: "Du hasst dein Land," schrieb einer.

"Ich war schockiert, das zu hören," sagt sie. "Diese Leute verstehen nicht — du musst dieses Land lieben, um von hier zu berichten."