Der Antieuropäer Geert Wilders hat die Wahlen in den Niederlanden nicht gewonnen. In Frankreich hat der Proeuropäer Emmanuel Macron Chancen auf die Präsidentschaft. In Deutschland wird der hundertprozentige Europäer Martin Schulz mit 100 Prozent zum Vorsitzenden seiner SPD gewählt. Mit #pulseforeurope formiert sich eine proeuropäische Bürgerbewegung, die Tausende auf die Straße bringt. Das sind gute Nachrichten für die Europäische Union, aber kein Grund für ausgelassenen Jubel. Die EU bleibt fragil. Eine der entscheidenden Bruchstellen ist Italien.

Es ist erstaunlich, wie still es um dieses Land geworden ist, nachdem Matteo Renzi am 4. Dezember 2016 sein Verfassungsreferendum krachend verloren hatte. Renzi hatte das Referendum zu einer Schicksalsfrage stilisiert: "Entweder gewinne ich oder es kommt der Untergang." Renzi verlor, er trat als Premier zurück – der Untergang kam nicht. Es kam, was die Italiener la palude nennen – der Sumpf. In ihm versinkt man langsam, aber unerbittlich.

La palude ist ein anderes Wort für die Machenschaften einer selbstverliebten und absolut verantwortungslosen politischen Kaste. Sie wendet all ihre Energien dafür auf, die eigenen Pfründe zu verteidigen und sich gegenseitig zu bekämpfen. Es ist kein Verlass auf diese Politiker. In der laufenden Legislaturperiode haben 181 von 630 Abgeordneten die Fraktionen gewechselt. Manche sind hin und her gependelt, sodass man insgesamt auf 255 Wechsel kommt. Berechenbarkeit sieht anders aus.

Das beste Beispiel für Italiens selbstverliebte Politiker ist Massimo D'Alema. Er war mal Kommunist und von 1998 bis 2000 Ministerpräsident. D'Alema hat die Verfassungsreform seines Parteichefs Renzi aus persönlichen Gründen nach Kräften bekämpft. Wenige Monate nachdem er sein Ziel erreichte hatte, trennte er sich vom Partito Democratico. Diese Partei hatte D'Alema vorher immer wieder als "Stützbalken der Demokratie" bezeichnet. Kaum war er weg, sagte er: "Den PD zu verlassen, ist als risse man sich ein Pflaster ab. Es tut weh, aber der Schmerz hört schnell auf." Das ist purer Zynismus.

Irgendwie wird es schon gehen

Italiens Politiker üben sich also in permanenter, lustvoller Selbstzerstörung, während das Land immer tiefer in die Krise rutscht. Deren ganzes Ausmaß wird regelmäßig durch verschiedene Maßnahmen überdeckt. Die Regierung rettete vor Kurzem mit Milliardensummen marode Banken, die EU "erlaubte" Italien auch für 2017 eine höheres Defizit, und der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, betreibt eine Nullzinspolitik –  irgendwie wird es schon gehen. Das scheint die Hoffnung zu sein.

Hat sich Italien nicht immer durchgewurschtelt? In den siebziger Jahren etwa gab es Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und Terror. Und irgendwie ging es doch. Ab den neunziger Jahren beherrschte der Gaukler Silvio Berlusconi fast 20 Jahre lang das Land. Und irgendwie ging es doch. Was aber jeweils immer nur bedeutete: Der Zusammenbruch kam nicht.

Die Bedingungen für Italien haben sich jedoch in den vergangenen Jahren radikal verändert. Die alten Mittel wirken nicht mehr. Wie alle anderen Länder muss Italien in einem verschärften globalen Wettbewerb bestehen. Früher werteten Italiens Regierungen die Währung ab, wenn es für die eigenen Unternehmen auf dem Weltmarkt wieder eng wurde. Seit Einführung des Euros geht das nicht mehr.

Der Euro ist weit mehr als ein ökonomisches Projekt, bei dem es um die Zusammenführung unterschiedlicher nationaler Volkswirtschaften geht. Im Euro ist auch die Hoffnung angelegt, dass sich die politischen Kulturen der europäischen Länder angleichen lassen. Das aber ist nicht geschehen. Italiens politische Kaste schleppt sich unverändert durch die Zeiten. Sie frönt weiter ihren dunklen Leidenschaften, während es dem Land immer schlechter geht: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit fällt Italien immer weiter zurück.

Wenn sich das nicht ändert, werden auch alle, die dieser Tage über das wiederbelebte Europa jubeln, irgendwann einsehen: Italien ist der Sprengsatz für die EU. Die Zündschnur mag zwar lang sein – aber sie brennt.