Jeder, der auch nur einigermaßen bei Trost ist, wird politisch oder religiös motivierten Terror schärfstens verurteilen. Und fast jeder wird präventive Maßnahmen sowie eine konsequente Strafverfolgung gegen Terroristen uneingeschränkt begrüßen und das allgemeine Gefühl steigender Bedrohung gut verstehen können. Wir haben nach den Berliner und Pariser Anschlägen erlebt, dass wochenlang die politische Debatte weitgehend um die Anschläge kreist. Auch der Londoner Anschlag wurde deutlich wahrgenommen. Aber auch sonst dreht sich in Zeiten von Trumps Einreisestopp und aufkommenden Rechtspopulisten politisch sehr vieles um real oder vermeintlich drohende Anschläge. Die einen fordern schärfere Gesetze, die anderen wollen die Freiheit verteidigen, aber einig sind sich  alle, dass der Terror gefühlt der wichtigste politische Vorgang ist.

Das Ausmaß der Debatte hinterlässt jedoch ein mehrfaches Unbehagen. Man spielt damit zunächst einmal genau den Terroristen in die Karten. Denn deren primäres Ziel sind nach allem, was wir wissen, nicht die einzelnen Opfer. Das Ziel ist vielmehr, ganze Gesellschaften in Aufruhr zu versetzen. Um damit die den Terroristen verhasste freiheitliche Ordnung zu untergraben. Und um einen Konflikt mit dem Islam zu schüren, der auch gemäßigte Muslime schließlich in die Arme der Extremisten treibt.

Außerdem spricht viel dafür, dass die hochintensive und längerfristige öffentliche Fokussierung auf Anschläge und ihre Nachbereitung sich animierend auf Nachahmungstäter auswirkt. Denn wir ermöglichen durch unsere Aufregung just den gewünschten "Erfolg" solcher Taten. Nimmt man außerdem plausibel an, dass Attentäter wesentlich von einem Wunsch nach Anerkennung und Geltung getrieben sind, verheißt ihnen die öffentliche Aufregung genau das, was sie wünschen. Für künftige Terroristen werden Attentate damit potenziell attraktiver.

Andere Katastrophen haben weit mehr Opfer

Es kommt aber noch ein weiteres Problem unserer starken Terror-Fokussierung hinzu. Es entsteht ethisch und politisch eine Schieflage, weil wir andere soziale Katastrophen mit weit mehr Opfern im Rahmen unserer begrenzten mentalen, finanziellen und sonstigen Kapazitäten oft aus dem Blick verlieren. Jene anderen Katastrophen werden zwar nicht wie Terroranschläge absichtlich und im Sinne des geltenden Strafrechts kriminell herbeigeführt. Sie werden von uns allen und den Politikern jedoch oft bewusst in Kauf genommen, wenngleich wir sie normalerweise verdrängen. Wohlgemerkt tun wir dies aus sehr vielen Gründen. Einer davon ist aber, dass uns andere Themen wie etwa der Terror einfach wichtiger erscheinen.

Man denke etwa an die gemäß amtlichen Statistiken Hunderttausenden Feinstaub-Toten pro Jahr in der EU aufgrund von Atemwegserkrankungen, von denen man viele durch bessere Sicherheitsvorkehrungen vermeiden könnte. Freilich müssten dafür die wesentlichen Feinstaub-Emissionsquellen, also Kohlekraftwerke, Verbrennungsmotoren oder mineralische Düngung, zügig überwunden und übergangsweise besser gefiltert werden. Das könnte einiges für uns fürs erste unbequemer und teurer machen, aber möglich wäre es. Und längerfristig hätte es sogar diverse weitere Vorteile. Gemeinsam ist Kraftwerken, Verbrennungsmotoren und Mineraldüngung nämlich, dass fossile Brennstoffe ihren Kern ausmachen. Und die müssen wir ohnehin wegen des Klimawandels zeitnah durch erneuerbare Energien und Energieeffizienz ersetzen. Nebenbei bemerkt ist auch für uns alle persönlich die Gefahr, feinstaubbedingt – oder als Raucher – an Krebs zu sterben, um ein Vielfaches höher, als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Und trotzdem scheint das Problem allenfalls einige Experten zu interessieren.

Noch drastischer erscheint der an sich altbekannte Umstand, dass eine mittlere zweistellige Millionenzahl an Hungertoten weltweit kaum jemanden in den Industriestaaten fundamental zu beunruhigen scheint. Dabei könnten wir sie durch eine bessere Verteilung und einen geringeren Konsum tierischer Nahrungsmittel zumindest zum größeren Teil vermeiden. Denn die Fleischproduktion beansprucht bislang vier Fünftel der Weltagrarfläche und die Tiere fressen den Armen buchstäblich das Korn weg. Zur Erinnerung: Man braucht fünf bis zehn pflanzliche Kalorien, um eine tierische Kalorie zu erzeugen. All das lässt sich schwerlich bestreiten, auch wenn Hunger vielfältige Ursachen hat und man nicht im Sinne linken Phrasendreschens so tun sollte, als ob Schlagwörter wie Kolonialismus oder Kapitalismus dies abschließend beschreiben könnten.

Bemerkenswert ist, dass über den Vergleich dieser verschiedenen Missstände nicht einmal eine ruhige Diskussion möglich erscheint. Wer aus Anlass von Gewalttaten auf weit zahlreichere, andere drastische Zustände weltweit aufmerksam macht, ist sich unfehlbar einer massiven Wut der Mitmenschen sicher. Erklären kann man diesen Fokus auf offenkundige und hier und jetzt geschehende Dinge wie Terror statt auf komplexe Prozesse wie Klimawandel und Welthunger durchaus.