Zweieinhalb Wochen vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich haben die Kandidaten bei ihrer zweiten TV-Debatte heftig über Europa und den Euro gestritten. So griff der parteilose Mitte-Kandidat Emmanuel Macron am Dienstagabend die Rechtspopulistin Marine Le Pen für ihre Pläne an, die EU zu verlassen und zu einer nationalen Währung zurückzukehren. "Europa schützt", sagte Macron und warf Le Pen vor, einen "Wirtschaftskrieg" anzetteln zu wollen.

Die Vorsitzende des Front National (FN) warb erneut für ein Referendum über einen Austritt aus der EU, damit Frankreich zu alter Stärke zurückfinde. "Was Sie vorschlagen, ist Nationalismus", sagte Macron dazu. "Nationalismus bedeutet Krieg." Eine Abkehr vom Euro würde zudem die Kaufkraft der Franzosen senken, warnte der 39-jährige ehemalige Wirtschaftsminister.

"50 Jahre alte Kamellen"

Macron machte sich für einen freien Markt stark; im Falle seiner Wahl kündigte er Steuersenkungen für Unternehmen an und erklärte, das strenge Arbeitsrecht im Land lockern zu wollen. Zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern müssten Verhandlungen angetrieben werden, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Die Rechtspopulistin warf Macron vor, keine Visionen für das Land zu haben. "Sie präsentieren sich nicht gerade neu, wenn Sie 50 Jahre alte Kamellen nutzen", sagte sie an früheren Wirtschaftsminister gerichtet. "Frau Le Pen, es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber Sie nutzen Lügen, die wir seit 40 Jahren und aus dem Mund Ihres Vaters hören", erwiderte Macron. Jean-Marie Le Pen, der Gründer des Front National, war wiederholt wegen antisemitischer und rassistischer Aussagen verurteilt worden.


Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Auch der Konservative François Fillon verteidigte Frankreichs Platz in Europa. "Wir brauchen Europa, um uns zu beschützen", sagte Fillon, der wegen Veruntreuungsvorwürfen als chancenlos gilt. Die EU müsse sich aber auf bestimmte strategische Ziele konzentrieren. Der Euro müsse so stark werden, dass er längerfristig die weltweite Vorherrschaft des US-Dollar brechen könne.

Marine Le Pen nicht die einzige Europaskeptikerin

Neben Le Pen vertraten mehrere andere Kandidaten von rechts und links sehr europakritische Positionen, darunter der Rechtspolitiker Nicolas Dupont-Aignan, der die EU-Regeln zu Leiharbeitern abschaffen will. Der Rechtsnationalist François Asselineau forderte die "Unabhängigkeit Frankreichs" und einen Frexit ohne vorgeschaltetes Referendum. Marine Le Pen ist jedoch die einzige Frexit-Befürworterin mit realistischen Siegeschancen.

Linkspartei-Gründer Jean-Luc Mélenchon warb erneut dafür, die EU-Verträge neu zu verhandeln oder aufzukündigen. Der Sozialist Benoît Hamon warf ihm vor, keine "Lösungen" für eine Reform Europas vorzuschlagen. Hamon selbst stellt zwar die europäische Sparpolitik infrage, unterstützt aber grundsätzlich Europa. "Ich finde mich nicht mit der Austeritätspolitik Deutschlands ab", sagte er. "Ändert sich Deutschland?", fragte er und und verwies auf den SPD-Kandidaten Martin Schulz, den er unlängst in Berlin getroffen hatte. 

Le Pen und Fillon bestreiten Fehlverhalten

Le Pen und Fillon wiesen Fehler im Zuge von Korruptionsvorwürfen zurück. Le Pen sagte, sie werde politisch verfolgt; außerdem genieße sie als Mitglied des EU-Parlaments Immunität. Fillon sagte, für ihn gelte die Unschuldsvermutung. "Ich habe keine Fehler eingeräumt. (…) Ich bin noch hier und keiner wird mich einschüchtern. Die Franzosen sollen ihr Urteil in etwas weniger als drei Wochen fällen." Le Pen ist gemeinsam mit ihrer Partei, dem Front National, in eine Reihe von Korruptionsvorwürfen verwickelt. Gegen Fillon laufen Ermittlungen, weil er seine Frau und zwei Kinder scheinbeschäftigt haben soll.

Bei der in den Nachrichtensendern BFMTV und CNews übertragenen Debatte standen außerdem die Themen Arbeitsmarkt, Sicherheit und Moral in der Politik auf dem Programm. Erstmals in Frankreich nahmen alle elf Präsidentschaftskandidaten an der Diskussion teil. Bei der ersten TV-Debatte vor zwei Wochen waren nur die fünf wichtigsten Kandidaten eingeladen worden, sehr zum Verdruss der übrigen Bewerber.

Stichwahl zwischen Macron und Le Pen erwartet

Umfragen sagen derzeit für die erste Wahlrunde am 23. April ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Macron und Marine Le Pen voraus. Beide würden es damit in die Stichwahl vom 7. Mai schaffen, wo Macron dann klarer Favorit wäre.

An dritter Stelle steht derzeit der Konservative Fillon, gefolgt von dem in Umfragen zulegenden Mélenchon und Hamon. Die anderen Kandidaten liegen in Umfragen allesamt unter fünf Prozent: der Rechtspolitiker Dupont-Aignan, Nathalie Arthaud von Lutte Ouvrière (Arbeiterkampf), Philippe Poutou von der Neuen Antikapitalistischen Partei, der zentrumsliberale Abgeordnete Jean Lassalle, der Unabhängige Jacques Cheminade und der Rechtsnationalist Asselineau.

Für sie war die TV-Debatte am Dienstagabend eine Möglichkeit, einem größeren Publikum bekannt zu werden. Mehr als zehn Millionen Menschen hatten die erste Fernsehdebatte vom 20. März verfolgt. Die TV-Debatten – eine dritte ist für den 20. April geplant – sind auch deswegen für die Kandidaten wichtig, weil viele Franzosen noch nicht entschieden haben, wem sie bei der Wahl ihre Stimme geben werden.