Es stimmt, Martin Schulz kann nicht übers Wasser gehen, wie die Junge Union spottete. Aber seit seiner Kür geschieht doch Erstaunliches. Womöglich sogar: etwas ganz und gar Neues.

In dem Moment nämlich, in dem die SPD in den Umfragen nach oben schoss, fielen die kleinen Parteien - und zwar links wie rechts. Die Grünen müssen sich mittlerweile ebenso sehr mit der Fünf-Prozent-Hürde befassen wie mit Koalitionsoptionen. Die AfD, die schon vorher zerstritten war, liegt erst seitdem wieder regelmäßig unter zehn Prozent. Ihr Aufstieg ist erst einmal gestoppt. Und bislang scheint der Trend zu halten.

Diese Entwicklung ist deshalb so erstaunlich, weil es derzeit keine größeren politischen Gegensätze gibt als Grün und Blau. Von keiner anderen Partei zieht die AfD so wenig Wähler wie von den Grünen. Wie ist es möglich, dass der Aufstieg der SPD beide gleichermaßen schwächt, obwohl es zwischen ihnen so gut wie keine Gemeinsamkeiten gibt?

Die Wahl im nicht unbedingt repräsentativen Saarland belegte immerhin eines: dass die SPD nicht einfach Wähler von beiden Seiten anzieht. Der Trend hielt: Die Grünen flogen aus dem Landtag, die AfD lag weit unter den Umfragen aus dem Winter, die SPD berappelte sich. Von den Grünen gewann sie 2.000 Stimmen, von der Linken 3.000. An die AfD aber verlor sie 3.000 Wähler.

Sie schadet den Kleinen offenbar auf verschiedene Weise.

Wer sich in den vergangenen Wochen mit Neumitgliedern und Schulzianern unterhielt, der merkte: Die SPD zieht in Scharen junge Menschen an, die in ihr ein Bollwerk gegen die lange Zeit aufstrebende extreme Rechte sehen. Nicht-Wählerinnen genauso wie potenzielle Wähler der Linken und der Grünen. Im Kampf um das große Ganze zählt Stärke und die stärkste linke Kraft ist die SPD. Wer die offene Gesellschaft will, wählt im Zweifel Schulz. Ohne die Bedrohung von rechts hätte es den Schulz-Effekt vermutlich nicht gegeben.

Martin Schulz - Höheres Bafög und Ehe für alle Der SPD-Kanzlerkandidat, Martin Schulz, spricht sich im Interview mit ZEIT Campus ONLINE für eine Erhöhung der Studienförderung aus. Auch zur Rentenfinanzierung äußerte er sich. © Foto: Andreas Prost/ZEIT ONLINE

Aus den gleichen Gründen, herausgefordert durch eine immer stärker werdende extreme Rechte, haben sich in Österreich im vergangenen Jahr Rote, Grüne, Schwarze, Ultra-Liberale und Unabhängige hinter Alexander Van der Bellen gesammelt. Und aus den gleichen Gründen wurde Emmanuel Macron ohne große Partei hinter sich in kürzester Zeit zum Favoriten auf die französische Präsidentschaft.

Doch beflügelte dort der Widerspruch dieser liberalen Bündnisse die extreme Rechte sogar. Bislang hat parteipolitischer Widerstand die extreme Rechte noch nirgends dauerhaft zurückgestutzt.

Die Ideen der extremen Rechten werden in Europa von acht bis fünfzehn Prozent der Menschen geteilt, wie Meinungsumfragen zeigen. Um wirklich einflussreich zu werden, um wirklich 15, 20 oder 30 Prozent zu bekommen, ist sie zusätzlich auf die Stimmen derjenigen angewiesen, die nur ein diffuses Unbehagen mit dem gesellschaftlichen Wandel spüren; die sich unwohl fühlen, weil sich ändert, was für sie immer normal war. Aber diese Stimmen bekam sie bislang nur, wenn sich alle Parteien entlang einer einzigen Konfliktlinie gruppierten.