Víctor Mijares ist auf Venezuela spezialisierter Politikwissenschaftler, Professor an der Universidad Javeriana in Bogotá und Associate Research Fellow am Giga German Institute of Global and Area Studies in Hamburg.

ZEIT ONLINE: Herr Mijares, die Krise in Venezuela spitzt sich zu. Präsident Nicolás Maduro hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten, weil Medikamente knapp werden. Einen Tag später hat der oberste Gerichtshof das von der Opposition dominierte Parlament entmachtet und dessen Kompetenzen an sich gezogen. Wie geht es jetzt weiter?

Victor Mijares: Vorhersagen sind immer schwierig. Ich denke, die Regierung wird auch weiterhin alle verfügbaren Mittel nutzen, um an der Macht zu bleiben. Ihre Position wird sich eher verhärten. Maduro steht unter Druck wie jemand, der in die Ecke gedrängt wurde, doch bisher ist es ihm immer noch gelungen, sich an veränderte Verhältnisse anzupassen und an der Regierung zu halten. Im Moment nutzt er dafür die Judikative, die schon immer auf seiner Seite stand und seine Politik verteidigt hat. Aber auch das Militär unterstützt ihn, und die Opposition ist gespalten – und in Teilen sogar loyal zum Regime.

ZEIT ONLINE: Eine loyale Opposition – wie meinen Sie das?

Mijares: Damit meine ich eine Opposition, die eine direkte Konfrontation scheut, zum Beispiel weil sie Angst vor Repression hat, weil sie an den Erdöleinnahmen beteiligt werden möchte, oder weil sie einfach nicht genug Macht und Rückhalt in der Bevölkerung besitzt.

ZEIT ONLINE: Jetzt gab es Proteste gegen die Entmachtung des Parlaments …

Mijares: Ich nehme an, dass die Opposition näher zusammenrücken und weiter zu Protesten aufrufen wird, einfach weil sie erkennen muss, dass Veränderungen durch Wahlen immer unwahrscheinlicher werden. Es ist möglich, dass die Regierung darauf mit weiterer Repression reagiert.

ZEIT ONLINE: Das Ausland hat die Entscheidung des obersten Gerichts kritisiert.

Mijares: Ja, aber das wird wohl wirkungslos bleiben. Es könnte der Regierung sogar nützen, denn sie kann sich als Opfer darstellen, als Land, das von außen angegriffen wird und dem imperialistische oder die alten kolonialistischen Kräfte keine autonome Entwicklung gönnen.

Bisher hielten sich die lateinamerikanischen Nachbarn eher zurück, statt zu versuchen, Einfluss auf Maduro zu nehmen. Venezuela ist auf sie auch nicht angewiesen, denn es verkauft sein Öl vor allem nach China und in die USA. China aber unterstützt Maduros Regierung, und die US-Regierung unter Donald Trump wird ihr gutes Verhältnis zu Russland nicht gefährden wollen – auch die USA werden also ebenfalls weiterhin venezolanisches Öl importieren. Ich denke, dass die venezolanische Regierung sich international wohl weiter abschotten und zugleich ihre strategischen Bündnisse zu großen Mächten wie China und Russland weiter pflegen wird.

ZEIT ONLINE: Die Versorgungslage ist miserabel, trotzdem wirkt das Land von außen seltsam ruhig.

Mijares: Die Leute sind nicht ruhig. Aber sie können sich nicht um die Politik kümmern, weil sie überleben müssen. Dafür brauchen sie ihre ganze Kraft. Sie stehen stundenlang um Brot, Milch oder Windeln an, oder um irgendeine Arbeit zu finden, ein Einkommen, und sei es noch so gering. Sie können nicht protestieren, weil sie essen müssen.

ZEIT ONLINE: Aber einige Bevölkerungsgruppen unterstützen die Regierung doch immer noch?

Mijares: Es ist schwer zu sagen, wie viele es sind. Aber sie sind sehr loyal, sie sind leicht zu mobilisieren, und sie erhalten Geld vom Staat. Eine Minderheit zehrt von den Öleinnahmen; Venezuela ist ja quasi komplett von seinen Ölexporten abhängig. Die Mehrheit aber ist nur damit beschäftigt, zu überleben.

ZEIT ONLINE: Wie lange können die Einnahmen aus dem Öl das Land noch stabilisieren?

Mijares: Lange. Die Preise sind gerade etwas gestiegen, China und die USA werden wohl weiter kaufen. Öl wird überall gebraucht. Selbst wenn die Industrieländer ihren Verbrauch einschränken: Die Entwicklungsländer fangen gerade an, sich zu industrialisieren.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als ob die Lage in Venezuela sich in absehbarer Zeit kaum verändern wird.

Mijares: Es wird vermutlich diplomatischen und moralischen Druck von außen geben, aber er wird nichts ändern. Maduro wurde unterschätzt. Es ist gut möglich, dass er sich bis zu den nächsten Wahlen 2019 an der Macht hält, und darüber hinaus. Ich sehe keine Faktoren, die dagegen sprächen.