Am 23. April hat Frankreich das Schlimmste verhindert: Die zwei Erben des europäischen Totalitarismus, Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen werden nicht aufeinandertreffen. Erstgenannter schied in der ersten Runde aus, er landete nur auf dem vierten Platz. Die Zweite hat das beste Ergebnis in der Geschichte ihrer Partei erreicht, wird aber wahrscheinlich Mühe haben, ins Amt des Präsidenten zu gelangen.

Mélenchon stellt, neben seiner krankhaften Deutschlandfeindlichkeit, eine merkwürdige Synthese aus dem Kommunismus Fidel Castros, radikalem Umweltschutz und einem sozialistischen Karrierismus her. Dabei darf man nicht vergessen, dass er während seiner Karriere als Senator ein eifriger Diener von François Mitterrand, Lionel Jospin und Laurent Fabius war. In seiner Haltung des "Widerspenstigen" liegt etwas von der Bitterkeit eines enttäuschten Höflings. Aber als guter Redner gab er den Franzosen während des Wahlkampfs zwei Monate gratis Rhetorikunterricht. Mit seinem sprachlichen Talent war er umtriebig in den sozialen Medien unterwegs und konnte so von den Merkwürdigkeiten seines Programms ablenken: Der Ausstieg aus dem Euro, der Abschied aus der Nato, Putin die Freiheit zu geben, die Grenzen Osteuropas nach seinem Belieben zu verschieben, gemeinsam mit Venezuela und Kuba eine Bolivianische Allianz zu schließen und schließlich in aller Ruhe Frankreich mit sozialistischen Wirtschaftsmethoden zu ruinieren, die bereits anderswo ihr gefährliches Wesen offenbart haben.

Marine Le Pen, seine Zwillingsschwester, hat seit Jahren versucht, das von Faschismus geprägte, schlechte Image des Front National zu glätten. Sie hat sich offiziell gegen den Antisemitismus ihres Vaters ausgesprochen, Homosexuelle in die Parteiführung aufgenommen und teilweise die laizistische und republikanische Rhetorik der Linken übernommen. Mit all diesen Tabubrüchen brachte sie die alte Garde des Front National, die Anhänger ihres Vaters Jean-Marie Le Pen und des Marschalls Philippe Pétain, gegen sich auf. Zum Teil hatte ihre Strategie Erfolg: Sie nahm eine eher linke Position gegenüber der Finanzwirtschaft, der Arbeiterschaft und des weltweiten Kapitalismus ein.

Doch die Vergangenheit holt sie immer wieder ein und ihr gezwungenes Lächeln kann nur schwer ihre Wut verbergen: Es ist gerade einmal eine Woche her, da legte sie sich mit den französischen Protestanten an, die sich vor 300 Jahren gegen Kardinal Richelieu gestellt hatten. Ihr Programm, das genauso verrückt ist wie jenes von Mélenchon, sieht die Wiedereinführung des Franc und die Schließung der Grenzen vor. Und das geht damit einher, dass sie sich Putin mit Unschuldsmine unterwirft. Sie verneigte sich vor dem Kreml wie ein Mädchen bei der Erstkommunion. So wie Mélenchon unterstützt sie im Namen des Kampfes gegen den radikalen Islamismus Assad und alle Despoten des Mittleren Ostens. Sie unterscheidet sich von ihrem Gegner von der linken Front nur in der Einwanderungsfrage. 

Die zwei Altparteien sind passé

Die klassische Rechte und die Linke, les Républicains und die sozialistische Partei, sind wiederum aus sehr verschiedenen Gründen untergegangen: Im November noch als Favorit gehandelt, hat François Fillon wegen seiner Finanzmoral verloren. Der Kandidat der Rechtschaffenheit, der Nicolas Sarkozy und Alain Juppé moralisch belehrte, ist über die Scheinbeschäftigung seiner Frau und Kinder gestolpert. Sein Verhalten ist symptomatisch für einen Teil des katholischen Bürgertums, das vorgibt, Geld zu hassen aber es im Geheimen verehrt. So landete François Fillon, ungeachtet seines rigorosen Programms und trotz seines großen Widerstands gegen die Anschuldigungen, nur auf dem dritten Platz.

Benoît Hamon, der alte Apparatschik der sozialistischen Partei, ist genauso sympathisch wie oberflächlich: Er hatte vergeblich versucht, die Herzen der Franzosen zu erobern, indem er ihnen anbot, eine Steuer auf Roboter einzuführen und Cannabis zu legalisieren. Er forderte ein bedingungsloses Grundeinkommen und sprach sich dafür aus, Burn-out als offizielle Krankheit anzuerkennen. Die Wählerschaft war zwar hingerissen von so vielen schönen Versprechen, hat sich aber der Demagogie nicht hingegeben und schenkte dem Kandidaten der Linken nur 6,4 Prozent ihrer Stimmen. 

Frankreich muss ein Zeichen gegen den Populismus setzen

Die Lektion, die man aus dieser Wahl ziehen kann ist: Frankreich trägt eine historische Verantwortung, die Welle des Populismus zu bremsen, die mit dem Brexit begonnen hat und mit der Wahl Donald Trumps fortgesetzt wurde. Österreich und die Niederlande haben jeweils auf ihre Art die Kandidaten der extremen Rechten zurückgewiesen, Österreich in den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016, Holland in den Parlamentswahlen im März 2017.

Frankreich ist neben Deutschland als Mitbegründer ein Hauptakteur des europäischen Projekts. Daher kommt die Bedeutung dieser Wahlen: Wenn Frankreich die Demagogie bremst, dann wird die ganze westliche Welt davon beeinflusst werden. Wenn Emmanuel Macron am Abend des 7. Mai gewählt werden sollte, dann erhält die Politik des Ressentiment, verkörpert von Theresa May, Donald Trump, Geert Wilders, Viktor Orbán und Marine Le Pen einen ernsthaften Dämpfer.

Die andere Seite dieser Lektion gibt aber Anlass zur Sorge: Rund 50 Prozent der Wähler haben ihre Stimme antieuropäischen und autoritären Parteien gegeben, die kleinen trotzkistischen, ländlichen und souveränistischen Kandidaten eingeschlossen. In unseren alten Demokratien rufen die zwei Monster des 20. Jahrhunderts, der Faschismus und der Kommunismus, noch immer so viel Begeisterung hervor, dass die Menschen die Schuld auf sich nehmen, die Erinnerung an deren Abscheulichkeiten verschwimmen zu lassen – zugunsten eines Hasses, der sich aus einem Bauchgefühl heraus gegen das parlamentarische System und die Marktwirtschaft richtet. 

Vernunft statt Bauchgefühl

Geben wir es zu, wir haben den Abgrund schon gestreift und noch ist nichts entschieden. In der Amtszeit des nächsten Präsidenten, vorausgesetzt Macron wird gewählt, wird es darum gehen, eine Wählerschaft zu beruhigen, die bereit ist, ins Unbekannte zu springen, um das "System" loszuwerden. Die Franzosen müssen in dem Moment, in dem sie ihren Stimmzettel in die Urne gleiten lassen, eine gemeinsame Richtung wiederfinden und die Vernunft wählen. Der Front National genauso wie die Front der Linken sind die Produkte des Abgangs der klassischen Rechten und Linken. Die zwei extremen Parteien ziehen so viele Franzosen an, weil die großen Apparate nicht mehr erwünscht sind. Zu lange haben sie die Probleme mit der Einwanderung, der Sicherheit, dem fundamentalen Islamismus und Terrorismus kleingeredet. Schließlich wird eine Umkehr von der strukturellen Entscheidung Frankreichs für die Arbeitslosigkeit, wie es Wirtschaftsnobelpreisträger Jean Tirole nennt, die Priorität des nächsten Präsidenten sein müssen.

Der erstaunliche Werdegang von Emmanuel Macron seit dem Sommer 2016 war begleitet von vielen Fauxpas und augenfälligem Leichtsinn. Die Trümpfe des ehemaligen Bankers sind gleichermaßen sein Handicap: sein Charme verliert sich manchmal in dem Wunsch, um jeden Preis gefallen zu wollen (Julien Dray hat ihn den "Aufreißer der Alten" genannt). Seine Jugend bedeutet auch große Unerfahrenheit, seine Stimme, immer noch im Stimmbruch, bricht manchmal am Mikrofon. Sein Verlangen, miteinander zu versöhnen, verleitet ihn zu schmerzhaften Vergleichen, etwa wenn er die Kolonialisierung mit einem "Verbrechen gegen die Menschheit" gleichsetzt, und sich dennoch weigert, für diese Politik Reue zu zeigen. Er kann gleichzeitig die Befürworter und die Gegner der Homo-Ehe unterstützen, Jeanne d’Arc feiern und die komplette französische Kultur ablehnen etc.

Alle Hoffnung ruht auf Peter Pan

Es scheint oft so, als würde er in seinem Enthusiasmus allen Widerspruch ignorieren. Er will so unbedingt gemocht werden, dass er dabei vergisst, dass ein Präsident, um respektiert zu werden, auch gehasst werden muss. Seine Rede, am Abend des ersten Wahlgangs, erschien erstaunlich unbeschwert. So, als würde er sein Abitur mit Freunden feiern. Kein Bewusstsein für die Ernsthaftigkeit des Moments, für die Bedeutung dessen, was auf dem Spiel steht. Eine platte und gekünstelte Eloquenz.

Trotzdem könnte unser nationaler Peter Pan einen guten Schuss Jugendlichkeit in unser altes politisches System geben: Er ist der einzige Kandidat der proeuropäisch, proatlantisch, modern und wirtschaftsliberal ist und gleichermaßen als Beschützer der Schwächsten der Gesellschaft auftritt. Wird der kleine Prinz von En Marche fähig sein, Marine Le Pen in ihre Schranken zu weisen, die Wutanfälle der extremen Linken zu entwaffnen, den Jugendlichen in den Banlieues und den Außenbezirken eine Chance zu geben? All das steht bei dieser Wahl auf dem Spiel. Am Abend des 7. Mais werden wir wissen, ob Frankreich noch immer ein Land des Lichtes ist oder ob es sich im Chaos der Leidenschaft verfinstert. 

Übersetzung: Catharina Felke