Es ist ja so: Auch Parteien werden im Alter nicht attraktiver. Über die Jahrzehnte sammeln sie Skandale und Niederlagen, sie sind ganz verschrammt und vernarbt von all den gebrochenen Versprechen und bitteren Kompromissen. Da stehen sie dann vor ihren Wählern, hässlich und beschädigt von der eigenen Geschichte, mit neuen Hoffnungsträgern und neuen Slogans nur notdürftig zurechtgeschminkt. Wer soll die noch wollen?

In Frankreich, Österreich und noch ein paar anderen Ländern kommen gerade neue politische Gebilde auf, die sich als attraktive Alternative zu den abgehalfterten Parteien empfehlen: Sie nennen sich "Bewegungen". Emmanuel Macrons En Marche! gehört ebenso dazu wie die neue Liste Kurz des österreichischen Außenministers Sebastian Kurz. Die deutsche AfD hält sich sowieso für eine Bewegung, und nun hat auch Hillary Clinton in den USA eine gegründet, sie heißt onward together. So unterschiedlich die vier sind, sie versuchen alle, die von Parteien dominierte Politik dadurch zu erobern, dass sie keine Parteien mehr sein wollen. Ihr Erfolg soll Formsache sein.

Als Bewegungen sind sie besonders attraktiv, weil der Begriff gleichzeitig unschuldig und unaufhaltsam klingt. Da drängt es tief aus dem Inneren des Volkskörpers, da versammeln sich Menschen um eine Sache und nicht aus Machtwillen. Ja, Bewegungen sind vermeintlich unkorrumpiert von all den Notwendigkeiten und Hässlichkeiten der sonstigen Politik. Die gilt, wenn sie nicht gleich auf Schimpfwörter wie "Washington" oder "Altparteien" runterpervertiert wird, doch zumindest als "politischer Betrieb" und damit als Bereich, der bestenfalls nur mit sich selbst beschäftigt ist. In der Selbststilisierung als Bewegung steckt mindestens so viel Ressentiment gegen Parteipolitik wie berechtigte Kritik an ihr.

Skurril wird es, wenn der Anführer der vermeintlichen Bewegung selbst aus der Parteipolitik stammt, so wie bei Emmanuel Macron, aber vor allem bei Sebastian Kurz. Der Österreicher wurde mit 27 Jahren Außenminister für die ÖVP, er ist eigentlich der Letzte, der glaubhaft über die Erstarrung der alten Parteien klagen kann. Kurz' Liste ist auch keine Bewegung, sondern nur die autoritäre Perversion einer Partei. Die ÖVP hat sich ihm ausgeliefert, er kann jeden einzelnen Kandidaten bestimmen. Dieses merkwürdige Konstrukt wird nicht von einem neuen, politischen Anliegen angetrieben, sondern allein vom Machtwillen des Sebastian Kurz. Es kommt auch nicht von unten, sondern von oben. Eine Bewegung, die autoritär geführt wird, kann keine Bewegung mehr sein. Weil sich dann ja eben nichts mehr bewegen kann außer das, was die Herrschenden wollen.

Nebenbei sind die Bewegungen auch Versprechen an die Ungeduldigen, denen Parteien zu schwerfällig sind. Warum den langen Marsch durch die Institutionen nehmen, wenn es doch jetzt eine Abkürzung gibt?

Einiges ist ja wirklich abschreckend: die Gremiensitzungen, der Proporz, die vielen Jahre, die es oft braucht, sich in Parteien hochzuarbeiten. Aber es gibt auch gute Gründe, warum der Marsch durch die Institutionen lang und Parteien schwerfällig sind. Der wichtigste ist: innerparteiliche Demokratie.

Die interessantesten Positionen schleifen sich ab

Parteien tragen ja gerade dadurch zur politischen Willensbildung bei, dass sich in ihnen Menschen treffen und über Politik diskutieren, sich dann auf eine Linie einigen und dafür gemeinsam werben. Parteien sind demokratische Unternehmungen zur Herstellung von Politik. Das dauert, und es schleift oft gerade die interessantesten Positionen ab und hält die besonderen Menschen klein. Aber der Prozess ist doch an sich wertvoll, weil er Menschen an Politik beteiligt und ihnen nicht nur fertige Positionen andrehen will.

Die Bewegungen, die diesen Teil von Politik ernst nehmen, brauchen oft ewig, bis sie eine feste, verlässliche, und damit wählbare Form annehmen. Sie müssen ja erst gemeinsam herausfinden, was genau sie wie erreichen wollen. Bei den Grünen, die als Bewegung für Umweltschutz und Emanzipation entstanden, dauerte das viele Jahre. Bei anderen, beispielsweise den Piraten in Deutschland oder den Occupy-Protesten in den USA, scheiterte es. 

Intensität des puren Erlebens klingt irgendwann ab

Diese Probleme haben die neuen Bewegungen nicht. Sie sind schlimmstenfalls geschickte Werbekampagnen, die auf Kosten des ramponierten Rufs von Parteien ihre schnittige Agenda aufwerten. Bestenfalls machen sie einige Dinge besser, für die den Parteien der Mut oder die Möglichkeit zum Neuanfang fehlt.

Irgendwann aber nutzt sich bei jeder behaupteten oder tatsächlichen Bewegung der Effekt ab, der nur daraus besteht, dass man sich gemeinsam auf den Weg gemacht hat. "Was uns eint, ist weniger Gemeinsamkeit, als der Weg durch diese kurze Zeit", dichteten dazu Tocotronic. Wenn es damit vorbei ist, wenn die Intensität des puren Erlebens abklingt und der Nüchternheit Platz macht, dann sterben die meisten Bewegungen oder verwandeln sich. Dann zeigt sich, ob sie einen inhaltlichen Kern haben, ein eigentliches Anliegen, das auch ohne die Faszination der Intensität überleben kann. Was wäre der inhaltliche Kern, das eigentliche Anliegen der Liste von Sebastian Kurz?