Die Welt hat sich noch nicht oft für Oer-Erkenschwick interessiert. Das letzte Mal ist fast neun Jahre her. Damals starb die Oma von Leonardo di Caprio, die hier gelebt hatte. In den Blickpunkt rückte die Stadt außerdem, als in den Siebzigern der lokale Fußballverein in die zweite Liga aufstieg. Oder als die Band Kettcar ein Lied nach der Stadt benannte. Darin heißt es: "Dieser Zug fährt nichts ans Meer, dieser Zug hier fährt nach Erkenschwick". Aber das stimmt nicht. Nach Erkenschwick fährt nie ein Zug. Erkenschwick hat keinen Bahnhof.

Oer-Erkenschwick hat auch sonst nicht viel, was eine Stadt ausmacht. Wo sich andernorts Marktplatz, Kirche, Rathaus und Schule finden, ragt hier der Förderturm der Zeche auf. Sie ist das Zentrum und der einzige Grund, warum hier überhaupt Menschen wohnen. Sie machte Oer-Erkenschwick zur ärmsten Gemeinde Preußens, als sie in der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre schloss, und zu einer betulichen Mittelschichtsstadt, als danach der Boom einsetzte.

Dann wurde sie dicht gemacht. Vor sechzehn Jahren war das.

Einen Schacht kann man verfüllen. Doch wie füllt man die Leere in einer Stadt, die aus eigener Kraft nicht einmal mehr das Nötigste bezahlen kann, wie so viele Städte im nördlichen Ruhrgebiet, dem ärmsten Teil Nordrhein-Westfalens, dem deutschen Rust-Belt? Seit Jahren hält sich Oer-Erkenschwick mit Geld am Leben, das es eigentlich nicht hat, und muss jetzt noch sparen, weil die Landesregierung Hilfe gegen Kürzungen eintauscht. Was kann die Stadt tun und was das Land? Und wie lange dauert es, bis die Menschen aufbegehren?

Oer-Erkenschwick hat einen Plan: Es will sich selbst stilllegen. Verwandeln in eine Vorstadt nach US-Vorbild, in eine deutsche Suburbia. Die Ruhrgebietsmetropolen sind nah. Arbeit und Leben sind nur fünfzehn Minuten entfernt. Schlafen müssen die Leute immer, warum nicht hier? Schon jetzt pendeln etwa achtzig Prozent der Menschen mit Job in eine andere Stadt zur Arbeit. Die meisten mit dem Auto. Es sollen mehr werden. Oer-Erkenschwick braucht keinen Bahnhof.

Braucht man hier eine gymnasiale Oberstufe?

Der Weg zum Rathaus führt vorbei an den Billigst-Discountern Woolworth und Kik und an leer stehenden Läden mit abgeklebten Schaufenstern. Im Rathaus erzählt Bernd Immohr von früher. "Noch in den Achtzigern hat man hier diskutiert, ob wir eine gymnasiale Oberstufe brauchen! Man sagte, die Jungs gehen doch eh in Pütt." Immohr ist zuständig für die Stadtentwicklung und sieht aus wie Slavoj Žižek ohne Revolution, wilder Bart, kariertes Hemd. "Es war verboten, das Ende der Zeche überhaupt zu denken."

Als sie trotzdem schloss, diesmal für immer, brachen 4.500 Jobs weg. In der ganzen Stadt gibt es heute noch etwa 4.000 Arbeitsplätze. Oer-Erkenschwick ist seither eine der ärmsten Gemeinden Nordrhein-Westfalens.

Armut, Arbeitslosigkeit, schlechte Wirtschaftsdaten – im Wahlkampf sind das die wichtigsten Argumente der CDU gegen die aktuelle Regierung. Seht her, soll das heißen, die Regierung Kraft hat versagt. Dabei läuft es gar nicht überall schlecht. Aber Städte wie Oer-Erkenschwick und seine Nachbarorte im nördlichen Ruhrgebiet vermiesen der Landesregierung die Bilanz.

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